Anthropozän – Sterben lernen als Menschheitsaufgabe?

Roy Scrantons These ist steil: Für das Überleben menschlicher Zivilisation komme ohnehin jede Hilfe zu spät. Was noch bleibt sei die Einsicht und Akzeptanz, dass das Ende nicht mehr abzuwenden ist. Außerdem solle man sich dieser neuen Realität endlich stellen und an neue Gegebenheiten anpassen. Mit neuer Realität meint er: Das Anthropozän. Jenes „vom Menschen gemachte“ Zeitalter, unter dessen übermächtigen Einfluss nun alle zugrunde gehen sollen. Klimawandel, Artensterben, versauerte Ozeane – die Kipppunkte sind nahe, wenn nicht bereits überschritten. Hierzu gehen die Einschätzungen auseinander, beim Verursacher dessen sind sich mittlerweile alle einig: Der Mensch (zum Großteil aus dem westlichen Teil der Welt). Und was macht der mit all seinem Wissen? Weiter wie bisher.

Denn die Sache mit der Einsicht ist nicht so einfach. In der Logikkette wäre sie aber der erste Schritt vor einer möglichen Veränderung, hin zu was eigentlich? Zur ökologischen Transformation? Oder dem Schritt ins Grab? Dazu weiter unten im Text. Erst einmal ist festzuhalten: Die wissenschaftlichen Fakten belegen, dass die westliche Zivilisation und deren Umgang mit den irdischen „Ressourcen“, deren Übernutzug bzw. Zerstörung, zum Beispiel durch den Ausstoß von Unmengen an CO² seit Erfindung der Dampfmaschine, verantwortlich sind für den Zustand dieses Planeten. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen veröffentlichen ohne Unterlass seit gut 50 Jahren, beginnend mit „die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome im Jahr 1972 und dem IPCC-Sachstandsbericht seit 1990, die harten Fakten inklusive konstruktiver Veränderungsvorschläge. Es reiht sich Klimagipfel an Klimagipfel und dennoch läuft das kapitalistische Rädchen weiter wie geschmiert: Wir konsumieren ohne Ende, fliegen laut aktueller Passagierzahlen noch mehr als vor Corona, fahren SUVs, fliegen in die Sonne im Winter und fahren Ski im Sommer. Der australische Philosoph Clive Hamilton bringt es auf den Punkt:“ Today the greatest tragedy is the abscence of a sense of the tragedy.“ (Hamilton 2017) Was er damit meint, ist das Dilemma um die fehlende Einsicht. Diese könnte sich angesichts unseres Verhaltens bereits als Verdrängung identifizieren lassen, denn es ist ja nicht so, dass wir es angesichts der Fülle an Informationen von Experten und klugen Köpfen nicht besser wüssten. Die psychologische Antwort darauf ist, dass die Zukunft für das Gehirn ein theoretisches Konstrukt darstellt, auf das wir keinen emotionalen Zugriff haben und deshalb nicht ins Handeln kommen. Die Zukunft erfährt im Gehirn ein „Downgrade“, weil real ausschließlich das ist, was auf emotionaler Ebene im Hier und Jetzt verarbeitet wird.  (Meschkat und Beck 2021) Und so zelebrieren wir das „Weiter so“ und rasen mit durchgedrücktem Gaspedal in unserem gewohnten, auf Ausbeutung ausgerichteten Lebensstil durch diese Welt.

Aber wie kommen wir als Gesellschaft an den Punkt, die Krise als solche anzuerkennen und noch wichtiger, in ein transformatives Handeln? Mit dem Vorschlag Scrantons des „Sterben Lernens“ ist zwar ein kurzer Schockmoment erzeugbar, aber selbst, wenn diese Einsicht gesellschaftlicher Konsens werden könnte – was sollte sich dann bitte noch ändern? Wer würde auch nur einen Finger rühren, wenn nicht der Hauch einer Perspektive am Horizont für das Menschsein übrigbleibt? Für was und vor allem für wen, stünde das Todesurteil zukünftiger Generationen bereits fest, sollte man sich noch anstrengen? Man könnte Scrantons „Sterben lernen“ auch als eine Art des Loslassens interpretieren. Nur wer vom Schlimmsten aller Ausgänge ausgeht, ist bereit Altes wirklich loszulassen, um den Blick für eine neue Perspektive zu öffnen. Aber diese Perspektive wird in Scrantons Vorschlag im Voraus negiert, denn es gibt ja keine.

Ein konstruktiver Ansatz wäre, sich die Hürden des Krisenbewusstseins einmal zu verdeutlichen, wie es Markowitz und Shariff vorschlagen. Hervorzuheben sind beispielsweise die abstrakte und komplexe Natur des Klimawandels. Es erfordert erheblichen kognitiven Aufwand für ein echtes Verständnis, was wiederum den intuitiven Zugang erschwert. Es spielen ebenso raumzeitliche Fernwirkungen eine Rolle, denn die Folgen unseres aktuellen Handelns sind nicht unmittelbar absehbar. Die zukünftigen Opfer gehören unter Umständen der nächsten und übernächsten Generation an. Hinzu kommt oft auch der menschliche Reflex einer „schuldabwehrenden Selbstrechtfertigung“. Wer als Mitverantwortlicher aktiv an den Pranger gestellt wird, reagiert mit Abwehr, um Schuldgefühle zu vermeiden. Nicht selten hört man aus diesem Grund Menschen mit sehr hohem CO²-Fußabdruck, die Schuld auf andere schieben oder die Bedeutung des Problems verharmlosen. (Reusswig 2022, S. 28-29) Eine weitere Hürde sind erlernte Bedeutungsperspektiven wie beispielsweise die Trennung von Mensch und Natur, die im Laufe der individuellen Sozialisation verinnerlicht werden und die direkt mit dem eigenen Selbstbild verknüpft sind. Sie erschweren ebenso eine veränderte Wahrnehmung auf den Zustand der Welt. Ein Lösungsansatz findet sich im Konzept des „Transformativen Lernens“, welches eine gesteigerte Reflexivität anstrebt, die befähigt komplexe Inhalte durch „Nachdenken, Bewerten, Wieder-Erinnern von Erfahrungen und die darauf aufbauende Re-Orientierung von Handlungen“ (Singer-Brodowski und Taigel 2022, S. 359) zu bewirken. Die Voraussetzung für ein Krisenbewusstsein wäre somit neue Zusammenhänge reflexiv zu verstehen und zu verinnerlichen, um dadurch zu einer neuen Bedeutungsperspektive beispielsweise von Mensch und Natur zu gelangen. Diese trägt wiederum dazu bei, die eigene Beziehung zu nicht-menschlichen Lebewesen erst in Frage zu stellen und dann das eigene Handeln, und sei es durch den Verzicht auf Billigfleisch, zu verändern.

Bereits heute sind die realen Folgen des Klimawandels spürbar, man denke nur an Überschwemmungen oder lange andauernde Hitzeperioden. Klar ist aber auch: Der Leidensdruck für tiefgreifende Einsicht ist offensichtlich nicht groß genug, die vorgenannten Bewusstseinshürden leisten hierzu ihren Beitrag. Das ist die große Schwierigkeit, denn es wird beim Klimawandel nicht die eine große Apokalypse geschehen, die alle Menschen einheitlich und vor allem rechtzeitig zur radikalen Veränderung zwingt. Scrantons Bild, dass die Menschheit irgendwann von ihren Bildschirmen aufschaut und sich in einem neuen, dunklen Zeitalter wiederfindet, ist also aus psychodynamischer Sicht richtig. (Scranton, 2019)

Für die intrinsische Motivation zur Veränderung benötigen Individuen und Gesellschaften nicht zwingend den Tod vor Augen. Wohl aber ein Krisenbewusstsein sowie eine positive Perspektive, wie eine zukünftige Welt aussehen kann und es noch Hoffnung auf ein gutes, wenn auch anders gestaltetes Leben gibt. Das vorgestellte Konzept des „Transformativen Lernens“ erscheint hierfür geeignet. Dafür werden jedoch alle zur Verfügung stehenden Akteure und deren vereintes Bestreben gefordert sein: Die Klimaforscher*innen für die wissenschaftlichen Fakten, die Journalist*innen für eine verständlich aufbereitete Kommunikation in die Öffentlichkeit, die Politik für entsprechende Rahmenbedingungen und strukturelle Veränderungen, die Philosoph*innen für die Metaebene und Einordnung unterschiedlicher Perspektiven. Und nicht zuletzt jede und jeder Einzelne, die mit ihren Wahlstimmen die richtige Perspektive wählen und mit anregenden Diskussionen im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis Bewusstseinsarbeit für ein Weltbild leisten, das zwar im Detail noch offen, in jedem Fall aber eine positive Resonanz für ein nachhaltiges und empathische Miteinander auf einem Planeten unterstützen sollte, mit dem wir anders umgehen als in den vergangenen 200 Jahren.

Quellen:

Scranton, Roy: Learning to Die in the Anthropocene. Reflections on the End of a Civilization, San Francisco: City Lights Books 2015.

Hamilton, Clive: Defiant Earth. The Fate of Humans in the Anthropocene, Cambridge: polity Press 2017, S. 36-75 (Kap. 2).

Reusswig, Fritz: Ganz normale Katastrophen. Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Covid-19-Pandemie als Anthropozän-Krisen in Biodiversitätsverlust, Lars Berger, Hans-Werner Frohn und Christiane Schell (Hrsg.), Bonn: Bundesamt für Naturschutz 2022, abgerufen unter: https://bfn.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/1089/file/Schrift641.pdf#page=22

Singer-Brodowski, Mandy; Taigel, Janina: Transformatives Lernen im Zeitalter des Anthropozäns, veröffentlicht im November 2020, unter: https://www.researchgate.net/profile/Janina-Taigel/publication/346386932_Transformatives_Lernen_im_Zeitalter_des_Anthropozans/links/5fbf784892851c933f5d4818/Transformatives-Lernen-im-Zeitalter-des-Anthropozaens.pdf

Scranton, Roy: Die letzten Menschen, veröffentlicht am 25.06.2019, unter: https://www.ipg-journal.de/regionen/global/artikel/die-letzten-menschen-3557/#top

Sonja Meschkat im Gespräch mit Henning Beck: Warum wir die Klimakrise so gut verdrängen können, veröffentlicht am 14.08.2021 unter https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/klimakrise-warum-wir-die-erderwaermung-so-gut-verdraengen-koennen

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