Ich denke seit Tagen über das Gefühl von „sich lebendig fühlen“ nach und auch darüber, dass es im Alltag meist zu kurz kommt. Wie holt man die Lebendigkeit in sein Leben und das nicht nur alle paar Monate? Klar, im Urlaub neue Orte entdecken macht zack lebendig, nach einem Referat für die Uni, vor welchem man sich vorher fast in Hosen gemacht hat, zack lebendig. Aber was ist mit Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag? Essen, arbeiten, essen, spazieren, Sport, essen, bissl Netflix-Trash zum Abschalten, schlafen, zack fühlt man sich so lebendig wie ein toter Fisch im Aquarium. Liegt es am Job? Liegt es an der Routine? Vermutlich schon. Routine frisst Lebendigkeit auf, same procedure as every fucking day.
Ich kenne mir sehr nahe stehende Personen, denen das nicht im Geringsten negativ aufstößt. Im Gegenteil, die ihre alltägliche Lebensroutine sogar schätzen. Die nicht alle 3 Monate wie besessen davon sind wo es als nächstes in den Urlaub hingehen könnte, nur um irgendwie einen Tapetenwechsel zu forcieren. Die nicht im Außen die Lethargie befällt, wärend die innere Unruhe ins Umermessliche wächst und die sich dann nicht plötzlich 80 fühlen, trotz ihrer knackigen 40. Wie kann das sein? Die einfachste Antwort wäre: Typsache. Der eine hat diese, der andere jene Persönlichkeit. Mag teilweise sogar was dran sein, hilft mir aber leider nicht weiter.
Wo kann also Raum für Lebendigkeit im alltäglichen Leben entstehen? Ich kann weder jeden Tag einen anderen Weg zur Arbeit nehmen (bereits gelesen, dass das helfen soll), noch meine Aufgaben im daily business ändern. Da bleibt es eben bei Telkos, Vikos und Mails schreiben. Zumindest wenn man einen Bürojob hat wie ich. Wie oft habe ich in meinem Leben schon an einem Punkt gestanden, an dem ich dachte: Da muss doch noch mehr gehen? Aber was um himmels Willen? Meine beste Freundin hat sich mit ihrer Leidenschaft selbständig gemacht und zack, sie fühlt sich lebendiger denn je. Der Haken daran: Unsicherheit hoch 10. Erspartes weg, Einkommen unsicher. Ist das der Preis, den man für Lebendigkeit zahlen muss? Das Aushalten von Unsicherheit woher die Kohle kommt? Wenn das der einzige Weg ist, dann muss ich vermutlich kapitulieren und mich in mein Schicksal fügen. Lebendigkeit zahlt den Kredit für die Butze nicht ab und mieten in München ist noch teurer wie die monatliche Kreditrate. Aber ich frage mich wirklich: Ist das der einzige Weg? Das kann doch nicht sein. Da fällt mir ein: Kinder lassen einen auch lebendig fühlen. Das merke ich jedes Mal wenn ich Zeit mit ihnen verbringe. Aber das ist auch nicht die Lösung. Es muss einen Weg geben wie Lebendigkeit von Innen heraus erzeugbar ist und zwar ohne auf äußere Faktoren angewiesen zu sein. Wer kann sich schon ständige Urlaube leisten? Jeder Mensch in diesem Land muss irgendwie Geld verdienen um sein Leben zu bestreiten. Vielleicht ist sich Lebendigkeit zu wünschen sogar ein echtes Luxusproblem. Jemand, der sich mit drei Jobs irgendwie über Wasser halten muss und dessen Hamsterrad sich so schnell dreht, dass er irgendwie versucht darin nicht ins Stolpern zu geraten, gar überhaupt zu Überleben ohne sich ins nächste Burnout zu manövrieren. Puh, ich komme ans Ende des Lateins, das ich nicht beherrsche.
Jetzt habe ich doch tatsächlich folgendes gegoogelt: Was tun, um sich lebendig zu fühlen? Die Brigitte (ok, sehr Klischee aber das war einer der ersten Treffer) will mir sechs Strategien an die Hand geben, mit denen es klappen soll. Punkt 1. lautet „Etwas tun, das ich wirklich möchte“ z.B. um 16.30 Uhr Pommes essen gehen, weil wir gerade Heißhunger darauf haben, und die fürs Abendessen geplante Couscous-Gemüse-Pfanne auf morgen verschieben. Ich lache laut. Oh je, das bringt mich nicht weiter. Außerdem soll ich mich in einer weiteren Strategie stärker für meine Überzeugungen einsetzen und Nein sagen. Zitat Brigitte:…“meinem authentischen inneren Kompass folgen.“ Ich gebs auf, das bringt mich nicht weiter. Ich suche weiter und lese bei einem Psychotherapeuten auf dessen Website:„Lebendigkeit gibt es nicht ohne Fühlen“. Aha, das erscheint mir ein guter Ansatzpunkt. Der Weg zu echter Lebendigkeit führe über die sogenannten Kerngefühle wie Freude, Liebe, Traurigkeit, Verlassenheit – sowohl negativ als auch positiv, beides gehört zum Spektrum. Die Gefahr in unserer Gesellschaft in die totale Fremdbestimmung zu verfallen ist groß: Man denke nur an die gefühlt permanente Ablenkung, Zerstreuung ( ich sag nur Netflix-Trash) aber auch an Suchtmittel, die einem kurzfristig Erleichterung versprechen, sich aber langfristig wie eine undurchlässige Schicht über unsere Gefühlsfähigkeit legen. Die Konsequenz: Man fühlt sich alles andere als lebendig. Die Schlussfolgerung wäre also eigentlich nur diese: Weg mit der Ablenkung, rein in die gefühlsmäßige Authentizität. Ich sage wie es ist: Auch ich habe öfters, besonders im Umgang mit bestimmten Menschen, die mir nicht gut tun, den Impuls mich mit irgendwelchem sinnlosen Zeug abzulenken. Weil es sich im ersten Moment nach Entlastung anfühlt. Keine trüben Gedanken, keine schlechten Gefühle. Ich denke das ist menschlich. Aber der Preis ist vermutlich doch, dass man im Alltag leicht in eine Art von Entfremdung rutscht und diese führt dazu, dass man sich so im Autopiloten fühlt. Und Autopilot ist das Gegenteil von Lebendigkeit. Da hat die Brigitte nun doch nicht ganz so unrecht, auch wenn „dem inneren authentischen Kompass“ folgen schon sehr nach Selbsthilferatgeber klingt. Vor allem: Das erfordert ein hohes Maß an Disziplin will ich meinen. Setz dich abends hin und lausche anstatt Netflix, Social Media oder Hörbücher, Podcasts und Kindle deinem Innersten und fühle deine Gefühle. Das ist sicherlich der unbequemere Weg. Aber bequem betten kann ich mich dann, wenn es vorbei ist. Bis dahin sollten wir doch alle bestrebt sein unser Leben wirklich zu leben und das heißt: Es zu fühlen.