Das Paradox des Lebens

Wer Deutsch-LK hatte wie ich, der kennt sie noch: Begriffe wie Oxymoron aka schwarze Milch und stiller Schrei oder Paradoxon aka Glück im Unglück oder die größte Freude in tiefster Trauer. Letztere beiden ist das so called fucking life itself. Es ist einfach manchmal nicht zu fassen, was dieses Leben eigentlich ist. Da stehst du auf der Beerdigung der Oma und heulst bitterlich vor Trauer und Verlust und gleichzeitig schaffst du für dich selbst das bislang Unmögliche: Du trittst in einer Familie, die ausschließlich über krankhafte Anpassung funktioniert und sich so selbst künstlich aufrecht erhält, das erste Mal in deinem Leben für dich ein, und machst es anders als die ganzen 30 Jahre zuvor. Du traust dich, für deine Bedürfnisse einzustehen, diese zu benennen und dich zu verpissen. Weil es dir nicht gut tut, weil dein Gefühl dir ein klares Nein gibt. Eine Woche später stehst du auf einem der Konzerte deines Lebens und fühlst dich so lebendig wie man sich nur fühlen kann und denkst gleichzeitig an deine gerade beerdigte Oma. Wie lange mir wohl selbst noch bleibt? Ich habe mal wieder einen Knoten im Kopf weil dieses Leben eigentlich nur eines am besten kann: Einen immer und immer wieder zu überfordern. In seiner Wucht, in seiner Widersprüchlichkeit.

Wenn ich sage, dass es in meiner Family ein großes Ding ist sich abzugrenzen, dann meine ich wirklich, dass es ein großes Ding ist. Ich will hier gerne ein Beispiel anführen, das zeigt, dass Abgrenzen und Anderssein mit Abwertung einhergeht. Weil alles, was anders gedacht, gelebt und geliebt wird grundsätzlich scheiße ist. Man stelle sich folgendene Situation vor: Da sitzen irgendwas über 10 Leute am Tisch im Restaurant und alle, und ich meine wirklich alle, bestellen ein Rumpsteak. Außer eine Person, die Rumpsteak hasst und Fisch liebt. Diese eine Person will also Fisch bestellen, mit welcher Konsequenz? Dass die Extrawurst am Tisch so lange mit irgendwelche fadenscheinigen Bullshit-Argumenten bequatscht wird, so dass sie sich ergibt und das 11. Rumpsteak bestellt. Das Rumpsteak wird serviert und es stellt sich heraus, dass die besagte Person es einfach nicht essen kann weil das Blut beim Anschnitt den Teller rot einfärbt. Sie lässt es zurückgehen und durchbraten mit der Konsequenz, dass es nun zäh wie Gummi ist und ebenfalls ungenießbar. Konsequenz: Das Tier ist umsonst gestorben, die Familie aber zufrieden. Das ja nun wirklich die Hauptsache, also echt! Aber ich schweife ab, will nur noch anmerken, dass auch das Bestellen von Hechtklösschen innerhalb dieser Familie schon immer ein richtig schlimmes Problem war, das unbedingt kommentiert werden musste. Was will ich damit sagen? Es ist ein großes Ding für mich, auf Meinungen anderer zu scheißen und nach einer Beerdigung ohne gemeinsamen Leichenschmaus die Fliege zu machen. Ich habe auf der Rückfahrt auf dem Autositz abgerockt weil für sich einstehen bedeutet, seine Energie bei sich zu halten und nicht an andere zu verschwenden. Sinnlos zu verschwenden. Aber ich schweife ab. Warum ist das Leben nun ein Paradoxon? Weil Glück und Leid, Trauer und gelebtes Leben oftmals so krass zusammenfallen, dass es kaum zu beigreifen ist.

Cut. Eine Woche später: Ich stehe bei 30 seconds to Mars auf dem Konzert und singe lauthals alles mit, auch wenn ich viele Songs nicht kenne. Nichts hält mich, uns, noch auf den Plätzen (ja, ok ab einem gewissen Alter sitzt man gerne auf der Tribüne). Ich bin lebendig, ich bin glücklich, ich feiere das Leben in diesem Moment und trauere gleichzeitig um meine Oma. Ja, das geht!

Es ist das Paradoxon dieses Lebens. Weil die größten Gegensätze sich gegenseitig bedingen. Ohne die Erfahrung von Leid, kein echtes und tief empfundenes Glück. Ohne Krankheit, kein Bewusstsein für das höchste Gut der Gesundheit. Kein Ying ohne Yang, kein Leben ohne Tod. Es ist wie es ist und so lange es Menschen, bzw. rationale Wesen auf dieser Welt gibt, ebenso lange machen sie sich genau hierzu ihre Gedanken. Weil es einen Weltendualismus gibt, den am Ende des Tages keiner vermocht hat, zu erklären. Und es wird auch niemals jemand erklären können, so lange er ein rationales, Verstand gesteuertes, aber auch ein begrenztes Denkvermögen besitzendes Wesen ist, das das große Ganze einfach nicht begreifen kann. Keiner kann es und das wirkt doch wiederum tröstlich. Dieser Ausspruch, dass am Ende doch alle im gleichen Boot des Lebens sitzen, ist eben einfach wahr. So wahr wie ein Satz nur sein kann.

In diesem Sinne bleibt einem einfach nichts anderes übrig, als das Leben in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten anzunehmen. Wie sonst sollte bei gleichzeitigem Sonnenschein und Regenschauer ein Regenbogen am Himmel enststehen, wenn nicht in der Widersprüchlichkeit auch wahre Schönheit liegen kann? Eben.

Die einzige Konsequenz, die man daraus ziehen kann ist: Live more, regret less. Und vor allem: Scheiss drauf, was andere von dir halten. Du kannst die Menschen, mit denen du dich umgibst, selbst wählen. So choose wisely.

By the way: Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung. 😉

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