#KPTBS: Über komplexe posttraumatische Belastungsstörung in einer Symptomgesellschaft

Seit gut zwei Jahren habe ich den Wunsch bzw. das Bedürfnis diesen Text zu schreiben. Aber mir fehlten die richtigen Worte, die Wut im Bauch war und ist groß aber die Dankbarkeit, dass nun vieles gut ausging ebenso. So lange kenne ich nämlich meine Diagnose, ich meine: Meine richtige Diagnose. Dem voraus gingen über 20 Jahre, in welchen ich gelitten, gekämpft und wie verrückt versucht habe ein lebenswertes Leben zu leben. Trotz all der zahlreichen niederschmetternden Tief- und Rückschlägen, Breakdowns und vor allem: Dem immer wieder Aufstehen. Ich schreibe diesen Text nun für alle, die mit Ängsten, chronischen Erschöpfungszuständen oder anderen Symptomen zu kämpfen haben und nicht richtig weiterkommen – vielleicht ebenfalls von Arzt zu Ärztin, Pontius und Pilatus gerannt sind. Für alle, die das Gefühl haben, dass irgendwie kein Arzt und keine Therapeutin dieser Welt wirklich helfen kann, weil nach wie vor oftmals ausschließlich Symptome behandelt werden. So wie bei mir in den letzten 20 Jahren.

Seit ich ein Teenager bin litt ich unter kontinuierlicher Überbelastung, chronischen Erschöpfungszuständen, plötzlich, wie aus dem Nichts auftretenden Gefühlen abgrundtiefer Sinnlosigkeit, lange auch Panik – was soll ich sagen, die Liste ist lang. Was man mit einer psychisch kranken Mutter jedoch sehr schnell hat, auch wenn man blutjung ist: Einen Arzt, der einem irgendwelche Pillen verschreibt. Helfen die einen nicht, kommen die nächsten. Das geht eine Weile, manchmal auch länger, bis man selbst auf den Trichter kommt: Das bringt doch alles nix. Man liest wie eine Besessene, rennt zu Therapeut:innen und reißt sich wortwörtlich den Arsch auf, um sich „weiterzuentwickeln“, sich irgendwie in den Griff zu bekommen und gesellschaftskonform zu werden. Um den Ansprüchen irgendwie gewachsen zu sein, die an uns alle gestellt werden: Insbesondere leistungsfähig, anpassungsfähig und ich, in der damaligen Generation Praktikum, gerne auch zur Selbstausbeutung tauglich. Für jemanden, der in die Überanpassung gedrillt wurde und für den das Wort Nein nicht existierte, geschweige denn von der Fähigkeit Wut überhaupt zu empfinden: Der Untergang. Und so rannte, nein jagte ich durch dieses Leben, von Wohnort zu Wohnort, von Job zu Job, von Ärztin zu Arzt, und letzten Endes vor mir selbst davon. Vor diesem gesellschaftlich unkompatiblen Ich, die weder so stressresistent war wie erwartet aber stets bereit bis zur völligen Erschöfung und Selbstsabotage alles zu geben. Glaubt mir: Das hat sich nicht gelohnt. Aber ich habe zumindest einiges daraus gelernt. Ich lernte Wut wieder zuzulassen und zu fühlen, Nein zu sagen, mich selbst vor Jobs zu stellen etcetera pp., all das was einem Therapeut:innen eben so raten wenn man das ein oder andere Burnout hatte. Mein Leben wurde irgendwie besser und irgendwie auch nicht, denn eines blieb: die Erschöpfung, die Sinnlosigkeitsgefühle, die tagelangen Knockouts wenn mich etwas triggerte.

Was haben sie mir gesagt: Du verschläfst dein Leben, du musst dieser Erschöpfung mit deinem Willen entgegentreten, du darfst dir einfach nicht alles so zu Herzen nehmen, du bist halt einfach anders, du bist dies und du bist das. Was habe ich mich mein halbes Leben lang unzulänglich, minderwertig und einfach nur beschissen gefühlt, dafür, dass ich irgendwie nie so recht reinpasste. Und dann mit 39 Jahren kommt der Knall: KPBTS – komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Ich hatte von dieser Diagnose niemals gehört, ausschließlich von posttraumatischen Belastungsstörungen von kriegsversehrten Soldaten, nach schlimmen Autounfällen oder anderen schrecklichen Erlebnissen.

Jetzt also KPBTS, aha. Alle Symptome, die ich mein Leben lang mit mir rumschleppte waren die Folge einem permanenten übergriffigen und fremdbestimmten Umfeld in meiner Kindheit. Ok, sagt jetzt jeder: Mal wieder die Kindheit, is klar. Problem ist aber, dass das Gehirn durch eine jahrelange Dauerstresssituation und dauerhafter Hab-Acht-Stellung, in der ich als Kind lebte, nachhaltig geschädigt wird. Viele Ereignisse wurden nicht richtig verarbeitet und richten massiven Schaden im Gerhin und wirken sich damit nachhaltig auf die Gegenwart aus. Das ist auch das Gefühl, das ich immer mit mir rumschleppte – diese Gefühle wie Ängste, Sinnlosigkeit, die hatten nichts mit meiner aktuellen Lebenssituation zu tun. Die kamen aus dem Nichts und rissen mich mit sich. Mit dem Verstand kam ich dagegen nicht an, und ich habe es wirklich versucht!

Das Gute ist: Jetzt sind sie weg. Und zwar: Alle! Selbst wenn ich das so schreibe, kann ich es kaum glauben. Aber nach einer erfolgreichen Traumatherapie namens EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), die einem hilft unverarbeitete Situationen im Gehirn nachträglich zu integrieren, bin ich symptomfrei. Seit einem guten Jahr. Deshalb mein Appell an alle, die leiden und das womöglich schon viel zu lange: Verlasst euch nicht auf dieses Gesundheitssystem, das für jedes fucking Symptom eine Pille parat hat. Versucht es weiter, versucht EMDR, keine Ahnung, aber zieht ein Trauma in Betracht, vorausgesetzt da gab es irgendwelche Anlässe in der Vergangenheit, die euch belastet haben oder noch belasten obwohl längst vorbei.

Jetzt ist es endlich runtergeschrieben. Der Druck ist weg. Nachdem mich Corona zu so etwas wie einem Hobbyspaziergänger gemacht hat, bin ich vorhin die letzten 2km im Stechschritt quasi nach Hause gerannt, weil das hier endlich raus in die Welt musste. Eine Einschränkung gibt es bei dem vermeintlich guten Ende: Das ist innere Ambivalenz. Ich kann leider nach wie vor nicht recht sagen, ob ich mehr freiheitsliebend oder sicherheitsbedürftig bin, am Ende irgendwie beides. Das schwankt im Wochentakt. Und das macht Beziehungen nicht einfacher, weil ich irgendwie beides brauche. Aber das ist okay, das bin ich eben mit #KPBTS aber endlich symptomfrei. Wie geil ist das bitte?

Cheers to life 🙂

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