Nature-Writing

Literarisches Genre mit Einfluss oder Kompensation menschlicher Naturentfremdung?

Westlich sozialisiert und kapitalistisch getrieben, sprintet der moderne Mensch in Trailrunning-Schuhen den Berg hinauf, um sich eine Auszeit in der Natur zu gönnen – eine Natur, die er im Detail kaum noch zu benennen vermag und im Vorbeirennen nicht wirklich wahrnimmt. Für ihn ist sie zur Freizeitbeschäftigung und zum Mittel der Ablenkung vom hektischen Alltagswahnsinn geworden, eine Ressource, die ihm vermeintlich Ruhe und Erholung verspricht. Als Henry David Thoreau 1845 die Eisenbahn als ein Fortbewegungsmittel beschreibt, das den Menschen immer weiter von sich selbst fortbringt und darin bereits das Potenzial zur Entfremdung durch technologische Entwicklungen erkennt, konnte er nicht erahnen, wo die Menschheit nicht ganz 200 Jahre später stehen würde. (Goldstein, S. 8) Während Industrialisierung und Technologisierung enorme Fortschritte in allen Bereichen des menschlichen Lebens ermöglichten – von der Medizin und Mobilität bis hin zur kapitalistisch geprägten, von digitalen Medien dominierten Arbeitswelt – hat sich ein Mensch-Natur-Verhältnis entwickelt, dessen Trennung kaum noch zu überwinden scheint. Erdressourcen, Tier- und Pflanzenwelt sind zu Rohstoffen degradiert, Natur ein Objekt der Ausbeutung zur maximalen Ausschöpfung von Wachstumspotenzialen. Das Erdzeitalter des Anthropozäns deklariert den Menschen als maßgeblich prägende und verändernde Kraft auf diesem Planeten und ist längst kein Begriff in ausschließlich wissenschaftlichen Diskursen, sondern er ist allgegenwärtig.

Obwohl seit den 1990er Jahren verstärkt wissenschaftlich fundierte und journalistisch aufbereitete Warnungen – wie etwa der Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC) – über bereits oder bald überschrittene Kipppunkte berichten, die das Erdklima und somit die Grundlage menschlichen Lebens ernsthaft gefährden, lässt sich kaum von einem veränderten Bewusstsein sprechen.  Dabei ist eine Neuausrichtung menschlichen Denken und Handelns überfällig. Kann das literarische Genre des Nature Writing, das im Spannungsfeld zwischen Natur und moderner Zivilisation entstanden ist, einen Beitrag zum dringend notwendigen Bewusstseinswandel leisten und realen Einfluss nehmen? (Goldstein, S. 13) Oder bleibt es bei einem romantisierten Versuch, die entfremdete Existenz durch eine literarische Flucht in eine Naturerfahrung zu kompensieren, die es in ihrer Ursprünglichkeit längst nicht mehr gibt?

Das insbesondere in den USA und Großbritannien verbreitete literarische Genre wird in seinem Ursprung Persönlichkeiten wie dem bereits erwähnten Thoreau zugeschrieben, der sich in einem Selbstversuch zwei Jahre aus dem kleinstädtischen Leben zurückzog, um am Waldensee ein autarkes Leben zu führen. Auf seine Naturaufzeichnungen, die mit dem Werk „Walden“ veröffentlicht und berühmt wurden, folgten Namen wie John Muir,  Ralph Waldo Emerson oder Robert MacFarlane, sowie Wissenschaftsjournalistin Rachel Carson oder Naturforscher und Aktivist Fawley Mowat. Nature Writing ist in seiner literarischen Form äußerst divers und agiert über Genregrenzen hinweg. Die Vielfalt lässt sich in den unterschiedlichsten wissenschaftlich-literarischen Herangehensweisen an das Thema Natur begründen sowie der Tatsache, dass es eine weitere Ebene umfasst: Die individuelle Perspektive des Autors oder der Autorin und deren jeweiligen Werte und Weltanschauungen, die sich in deren Verständnis von Natur widerspiegeln. Denn im Gegensatz zur angestrebten Objektivität wissenschaftlicher Diskurse, sind Nature-Writing Texte stets angereichert mit persönlicher Wahrnehmung und individuellem Erleben. Dies führt dazu, dass Nature-Writer gerade keine distanzierte Haltung wahren, sondern sich oft an gesellschaftlichen Debatten über Natur und Umwelt beteiligen. (Röhnert, S. 7-9)  Dieser Fakt lässt die Argumentationslinie zu, dass dieses Genre durchaus ein reales Einflusspotenzial entfalten kann, um auf ökologische Probleme aufmerksam zu machen, oder neue Perspektiven zu vermitteln, die ohne diese literarischen Beiträge nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wären. Als Positivbeispiel ist Rachel Carson mit ihrem Werk „Silent Spring“ zu nennen, das im Erscheinungsjahr 1962 zum meist verkauften Buch der USA avancierte. Ihre Abrechnung mit Pestiziden führte, wenn auch erst 10 Jahre später, zum weltweiten Verbot des Pflanzenschutzmittels DDT. Ihre eindringlichen Naturbeschreibungen hatten offensichtlichen Erfolg:

 „Dann tauchte überall in der Gegend eine seltsame schleierhafte Seuche auf, und unter ihrem Pesthauch begann sich alles zu verwandeln. … Rätselhafte Krankheiten rafften die Kükenscharen dahin, Rinder und Schafe wurden siech und verendeten. Es herrschte eine ungewöhnliche Stille.“ (Carson in Westhoff, 2022)

 Auch John Muir gilt nicht zu Unrecht als führende Figur des amerikanischen Nature Writing. Der Schriftsteller kombinierte seine Forschungen in der Sierra Nevada mit spannenden Erzählungen  und reagierte auf große ökologische Veränderungen mit aktivistischer Haltung. Durch Werke wie „Die Berge Kaliforniens“ und seinen Einsatz ist er auch als „Vater der Nationalparks“ bekannt, da durch ihn der Yosemite National Park gegründet und die Naturschutzorganisation Sierra Club ins Leben gerufen wurden. (Brôcan, 2012)
Aber die Realität ist ebenso: Diese Fälle sind eher die Ausnahme, denn die Regel. Auch waren die beiden Nature-Writing-Ikonen neben ihrem Autor*innen-Dasein gleichermaßen als Naturschützer und Aktivisten aktiv.

Wenn man nicht den Anspruch erhebt, dass Nature Writing große gesetzliche Veränderungen in Gang setzen muss, um als Genre ernst genommen zu werden, gibt es eine Möglichkeit auf gesellschaftliche Einflussnahme: Die Wissenschaftskommunikation und der Klimajournalismus könnten von Nature-Writing-Einflüssen profitieren. Das Abstraktionslevel und die Komplexität von Aussagen wie „eine Klimaerwärmung um über 1,5 Grad wird mit jedem Zehntel mehr das Leben auf der Erde durch Gletscherschmelze und Erwärmung der Ozeane  maßgeblich verändern“ ist hoch und kaum massentauglich. Wenn solche Aussagen mit einer Erzählung verbunden werden, die zeigt, wie in der Antarktis massive Eisberge langsam abschmelzen und Eisbären ihren Lebensraum oder sogar ihr Leben verlieren, können sie Emotionen und Empathie bei den Lesenden hervorrufen. Genau diese sind notwendig, um einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen und Naturbewusstsein zu stärken. Journalistik-Professor Torsten Schäfer sieht in dieser Verbindung großes Potenzial, unter der Bedingung, dass Nature-Writing „Megathemen wie den Klimawandel als Kontext hinter den lebendigen Beschreibungen und Geschichten aufbaut, da er andernfalls riskiert, in kleinteilige Schönschreiberei zu verfallen, die den realen Bedrohungen nicht gerecht werden.“ (Schäfer, 2018)

In Schäfers Ausdruck der „Schönschreiberei“ klingt bereits ein großer Kritikpunkt an, mit dem sich Nature-Writing konfrontiert sieht: Es handele sich bei diesem Genre lediglich um eine verklärte Flucht in naturästhetische, oft verklärt romantisierte Beschreibungen „urbaner Analphabeten“, die sich ihre „industriell wundgescheuerte Seele balsamieren“. (Goldstein, S. 247)  Auf den ersten Blick ist klar erkennbar, dass das Thema Natur einen regelrechten Boom erlebt: Naturliteratur, Magazine und eine Outdoor-Industrie, deren Umsatz im Jahr 2025 auf 2,5 Milliarden Euro prognostiziert wird, zeugen von einem wachsenden Interesse. Diese Entwicklung speist sich aus dem Narrativ der Naturästhetik als Quelle von Entschleunigung und Erholung. (Schirmer für Statista, 2024) Aber muss Nature Writing mit seiner empathischen, reflexiven Sprache eines menschlichen Subjekts über dessen persönliche Naturerkundungen sogleich als Naturkitsch abgestempelt werden? Oder hat die Verwissenschaftlichung von Sprache und Gesellschaft dazu geführt, dass wir verlernt haben, einfühlsam über die Natur nachzudenken? Der Philosoph Joachim Ritter entwickelte 1963 in seinem Aufsatz „Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft“ eine These für dieses Bedürfnis: In der Neuzeit nehme die Landschaft die Rolle ein, die früher der geschlossene Kosmos antiker oder christlicher Weltanschauungen innehatte. Sie fungiere als eine Art Ausgleich für die Entfremdung von der Natur, die der Mensch in der Moderne unvermeidlich erfahre. Die Befreiung von der unmittelbaren Abhängigkeit von der Natur – etwa in den traditionellen Lebensformen von Bauern, die in enger Verbundenheit mit der Natur lebten – hat ihren Preis. Für den modernen, zweckrational handelnden Stadtmenschen ist die Natur nicht mehr als eine harmonische Einheit erlebbar, in die er selbstverständlich eingebettet ist. Vor diesem Hintergrund könnte in Nature-Writing durchaus eine Art Projektionsfläche für Sehnsüchte gefunden werden, um den real erlebten Verlust von Verbundenheit zu kompensieren. Auch der „Natur-Boom“ verdeutlicht, dass es den modernen Menschen intuitiv nach draußen zieht – in der Hoffnung, durch die Verbindung mit der Natur eine Form innerer Entlastung zu finden. Goldstein hat jedoch recht, wenn er diesem Umstand  eine gewisse Schizophrenie unterstellt: Einerseits degradieren wir im Alltag die Natur zur Ressource, indem wir sie ausbeuten, möchten uns aber im Urlaub und in literarischen Erzeugnissen an ihr ergötzen. (Goldstein, S. 249-250) Der Vorwurf Nature-Writing sei „Naturkitsch“ ist dennoch nicht haltbar. Wo genau hören schöne, empathische und individuelle Naturbeschreibungen auf und wo genau soll dieser Kitsch beginnen? Diese Grenze zu ziehen ist unmöglich, da vollkommen subjektiv. Vermutlich kommt dieser von Kritiker*innen, die es selbst nie ausprobiert und niemals das Gefühl erlebt haben von der Schönheit des Naturerlebens emotional überwältigt worden zu sein. Und noch wahrscheinlicher ist auch, dass diejenigen, die selbst Nature-Writing betreiben am meisten davon profitieren, denn nichts ersetzt die leibhaftige Erfahrung vor Ort.

Die Aufmerksamkeitskökonomie versucht mit aller Gewalt uns unsere Zeit zu stehlen – sie will uns im digitalen Raum fesseln, denn jeder Like, den wir hinterlassen, ist bares Geld wert. Nature-Writing entfaltet hierbei sogar einen therapeutischen Effekt. Es zieht uns nach draußen und zwingt uns unsere Aufmerksamkeit auf das zu fokussieren, was direkt vor uns liegt, und zwar nicht oberflächlich, sondern im Detail. Das Gefühl des Getrenntseins von sich und der Welt kann dadurch überwunden werden. Indem wir ein Gefühl für einen Ort draußen entwickeln, verbinden wir uns auch wieder mit uns selbst. Und in dem Moment, indem uns ein Ort emotional berührt, ist er uns nicht mehr egal und kann, im besten aller Fälle, zu einer neuen Bewusstseinsebene im Mensch-Natur-Verhältnis führen. Exemplarisch hierfür steht Jenny Odells „Erweckungsmoment“ in einer Sumpflandschaft in Elkhorn Slough, die sie plötzlich aufgrund ihrer Schönheit zum Weinen bringt:

„In ihrer unglaublichen Pracht schien diese Sumpflandschaft für all die bedrohten Räume zu stehen, all jene, die bald verloren sein würden, die schon verloren waren. Aber ich spürte auch zum ersten Mal, dass mein Wunsch diesen Ort zu bewahren, zugleich ein Selbsterhaltungstrieb war, […]. Ich würde ohne diese Begegnung verkümmern; ein Dasein ohne eine andere Art von Leben erschien mir nicht lebenswert.“

Die Verbindung „aller Schicksale zwischen lebenden Lebewesen“, die sie in diesem Moment verspürt, ist das, was Nature-Writing bewirken kann. (Odell, S. 247) Eine Denkkorrektur, die sich im Individuum so nachhaltig manifestiert, dass auch dessen Handeln davon beeinflusst wird. Dies ist möglich, jedoch nicht, wenn man in Trailrunning-Schuhen den Berg hinaufhetzt und auch nur, wenn man leibhaftig einen solchen Moment erlebt. Allein vom Lesen dieses literarischen Genres kann sich aus meiner Sicht derartiges Einflusspotenzial nur schwer entfalten. Dann bleibt es bei einer schön geschriebenen Naturlektüre, mit der man sich die Zeit vertreibt, um kurz aus dem Sog des Lebens auszusteigen und danach wie gewohnt weiterzumachen. Was nicht bedeutet, dass eine empathischere Sprache, die innerhalb von wissenschaftsjournalistischen Texten eingewoben wird, nicht auch kurz einen emotionalen Moment des Nachdenkens und Reflektierens erzeugen kann – ob dieser nachhaltig etwas im Leser oder der Leserin verändert, bleibt fraglich.

Es gibt somit keine eindeutige Antwort auf die Eingangsfrage im Sinne eines Entweder-oder, sondern vielmehr ein differenziertes Sowohl-als-auch. Denn beides ist möglich: Nature-Writing kann individuelle Denkkorrekturen anstoßen und wichtige Beiträge zur gesellschaftlichen Diskussion leisten. Zugleich bleibt es oft bei einer kompensatorischen ästhetischen Erfahrung, ohne tiefgreifende Veränderungen zu bewirken. Doch solange auch nur der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass dieses Genre Reflexionsprozesse in Gang setzt, verdient es unsere unbedingte Beachtung. In jedem Fall fordert es uns auf, innezuhalten, genauer hinzusehen und die Verbindung zur Natur – und damit zu uns selbst – wieder oder neu zu entdecken.

Quellen:

Goldstein, Jürgen (2019): Naturerscheinungen : die Sprachlandschaften des Nature Writing. Erste Auflage. Berlin: Matthes & Seitz.

Schäfer, Torsten (2018): nature writing: Natur-Sehnsucht als Brückenbauer zum spröden Thema Klimawandel?, abgerufen unter:https://www.klimafakten.de/kommunikation/nature-writing-natur-sehnsucht-als-brueckenbauer-zum-sproeden-thema-klimawandel  (Stand: 24.11.2024).

Röhnert, Jan (2022): Nature Writing, abgerufen unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/479/dokumente/jan_roehnert_nature_writing_essay.pdf (Stand: 24.11.2024).

Carson, Rachel in Westhoff, Andrea (2022): Rachel Carsons „Der stumme Frühling“ – Buch am Beginn der Öko-Bewegung, abgerufen unter: https://www.deutschlandfunk.de/rachel-carson-stumme-fruehling-ddt-100.html (Stand: 26.11.2024)

Brôcan, Jürgen  (2012): „Die kühlen Steine, meine älteren Brüder“, abgerufen unter https://www.nzz.ch/die_kuehlen_steine_meine_aelteren_brueder-ld.691544 (Stand: 20.11.2024)

Odell, J. et al. (2021) Nichts tun : die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. München: C.H. Beck.

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