Living life to the fullest – Was bedeutet das wirklich?

Die KI übersetzt mir den Satz mit „Leb‘ das Leben so richtig“ oder „Das Leben voll auskosten“. Wenn man dahinter eine Art Lebensphilosophie erkennen will, sagt Google noch, dass es darum geht, so glücklich und selbstverwirklicht wie möglich zu sein, Herausforderungen anzunehmen, die einen menschlich wachsen lassen – und gelebte Erfahrungen stehts über Besitz zu stellen. Aha, hier gibt es aber einige offene Fragen, die man für sich einmal klären sollte.

Ich möchte damit beginnen, wie ich auf den Satz bzw. die Gedanken dazu komme. Fakt ist: Ich habe aus verschiedenen Gründen mehr Lebensenergie zur Verfügung. Seit ca. 1,5 Jahren muss ich mich nicht mehr mit kräftezehrenden Traumafolgen rumschlagen, sondern kann mich tatsächlich anderen Themen widmen. Ich habe quasi meinen zweiten Full-Time-Job gekündigt, denn das war es. Das fühlt sich insbesondere deshalb extrem seltsam an, weil ich es seit 25 Jahren nicht anders kannte. Soviel dazu. Jetzt also von allem Mehr: Mehr Zeit für schöne Dinge, weil mehr Energie und am Ende mehr Leben? Damit hängt insbesondere die Frage zusammen: Wie möchte ich die freigewordene Zeit und Energie wirklich nutzen? Sagen wir: In den nächsten 10 bis 20 Jahren? Wow, das sind großte Themen ich weiß, aber hilft nix. Muss man sich mit auseinandersetzen.

Jetzt zurück zur Eingangsfrage, was es bedeutet das Leben voll auszukosten.

Aspekt 1 der KI: Selbstverwirklichung.

Damit fängt das Problem ja schon an: Ich kann es nicht mehr hören. Unsere Gesellschaft hat sich in Sachen übersteigertem Selbstverwirklichungsanspruch doch selbst ins Bein geschossen. Damit einher geht ja nichts anderes als eine konstant steigende Burnout-Quote durch Individualisierungswahn und Streben nach einer Lebensperfektion, die es nicht gibt. Unterschwellig schwingt da auch noch mit, dass Autonomie das höchste aller Güter im Wertesystem der westlichen Welt (by the way: Gibt es die westliche Welt eigentlich noch? Man munkelt, die Zeiten seien vorbei.). Weiteres Problem dazu: Die Einsamtkeitsquoten steigen generationsübergreifend in ungeahnte Höhen. Was wird uns denn, insbesondere medial, vermittelt: Ich soll meine ganz persönliche und individuelle Lebensaufgabe finden, die sowohl sinnstiftend ist, nicht überfordernd, und gleichzeitig meine Miete finanzieren muss. Was soll das sein? Wenn jeder oder jede Deutsche ab morgen sagt: Ab heute mach ich nur noch sinnstiftende Arbeit, die gut bezahlt und easy-going ist, dann bricht das komplette System zusammen. Es ist eine medial kreierte Utopie, nicht mehr und nicht weniger. Und ich denke auch: Es ist ein Privileg von reichen Menschen, die wo auch immer sie es herhaben, ein beachtliches finanzielles Polster unterm Po besitzen. Wie also sich „selbst verwirklichen“ für ein erfülltes Leben? Man merkt jetzt schon: Die Frage ist komplexer als gedacht. Dennoch ist sie relevant, weil es im Menschsein angelegt ist, wenn auch unter der Voraussetzung, dass Grundbedürfnisse gedeckt und ein gewisses Maß an Sicherheit im Leben vorherrschen. Menschen, die weltweit nach wie vor entsetzlichen Hunger erleiden müssen, oder im Überlebensmodus in der Ukraine darauf hoffen, dass nicht jede Sekunde eine Bombe in der Nachbarschaft explodiert, stellen sich solche Fragen gerade sicher nicht. Und wieder sind wir an dem gleichen Punkt wie vorher: Es ist Luxusproblem priviligierter Gesellschaften, zu der ich gehöre. Man muss fairerweise sagen, dass es dennoch eine Menschheitsfrage ist. Was das gute Leben eigentlich bedeutet haben sich auch Sokrates, Platon, Aristoteles, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche gefragt. Ja, es waren viele und sicherlich nicht nur weltbekannte Philosophen. Aber ich schweife ab. Ich bin jedenfalls sicher, dass auch wenn es sich zum gewissen Grad um ein Problem unter Priviligierten handelt, die Frage bei Vielen immer mal wieder auf der Agenda steht. Zum Status Quo bin ich also noch keinen Schritt weiter. Mit über 40 eine zweite berufliche Laufbahn bzw. einen Master in Philosophie zu machen, könnte sicherlich in diese Kategorie fallen, aber die Masterarbeit ist irgendwann auch geschrieben.

Was also tun?

Aspekt 2 der KI: Gelebte Erfahrung über materiellen Besitz stellen

Ich komme nicht umhin zu sagen, dass ebenfalls der zweite Aspekt, nämlich die Aussage von oben „man solle gelebte Erfahrung über Besitz stellen“, auch  nur eingeschränkt haltbar ist. Warum? Weil viele gelebte Erfahrungen defacto Geld kosten. Diejenigen, die ich als besonders positiv im Herzen trage, sind soche, die nicht gerade billig waren. Beispielsweise im Yosemite vor Demut dieser Natur einfach nur innerlich zu platzen vor Glück. Ok, ich kann in die andere Richtung auch sagen: Die schlimmsten Zeiten meines Lebens, haben mein Innerstes so reifen lassen, dass ich heute ein reicher Mensch bin. Stimmt irgendwie, aber ist eben auch nur die halbe Wahrheit. Denn mit einher gehen auch Gefühle, dass einem Zeit gestohlen wurde, die man hätte besser nutzen können, als sich existenziell immer wieder am inneren Abgrund zu befinden. Dennoch  merke ich gerade, dass beides am Ende des Tages relevant ist: Man benötigt auch ein gewisses Maß an äußerem „Reichtum“ um sich innere zu kaufen. Denn ein Trip in die USA oder sonst wohin (wo man gerade eher weniger hinreisen möchte), kostet sicher mehr als einen Monatslohn. Dafür musst dann erstmal was leisten, in deinem sinnvollen, gut bezahlten Job. Ironie Ende. Denn genau das meine ich: Das eine, bedingt wieder etwas anderes. Jede Medaille hat zwei Seiten. Das eine positive, gibt es nicht ohne einen anderen, aber negativen Aspekt. Echt pathetisch aber ich denke tatsächlich gerade an Yin und Yang. Die KI sagt: Es sind zwei gegensätzliche aber mit einander verbundene Prinzipien in der chinesischen Philosophie und Spiritualtität. Sie repräsentieren die duale Natur des Universums, in der Gegensätze sich gegenseite bedingen und ergänzen. Joa, könnte schon was dran sein.

Fassen wir mal zusammen: Übersteigerte Selbstverwirklichungstendenzen bringen nichts, führen nur ins Burnout. Gelebte Erfahrungen über Besitz zu stellen, ist schön und gut, aber ganz ohne Kohle geht es einfach auch nicht. Was nun bzw. was tun?

Tja, ich würde meinen: Es gibt einfach keine allgemein gültige Antwort auf eine, sorry jetzt aber wirklich: subjektiv empfundene, äußerst individuelle Angelegenheit. Ich glaube dennoch ich komme einen Schritt weiter und die Antwort liegt in dem Wort „Schritt“. Ein Schritt vor, austesten, reinfühlen, für sich bewerten und dann aufhören oder weitermachen. Ich würde es das Annäherungsprinzip an ein erfülltes Leben nennen. Sprich: Trial and error. Man probiert was Neues, wie ich bspw. damals mit dem Philosophie-Studium, merkt plötzlich, das passt und hat so ein kleines Stückchen mehr vom persönlichen Glück erreicht. Problem: So wie alles auch ein Ende hat, muss man eben wieder mit was anderem oder neuem beginnen. Ist es dieses Mal gefühlt nicht das richtige, next. Und so weiter und so fort. Oh man, ich merke gerade, dass es tatsächlich nun auf den abgeroschensten, aber im Kern wahrsten Satz hinführt, den man so von sich geben kann. Aber ich trau mich einfach: Der Weg ist das Ziel. Bääähm, Pfanne auf die Rübe. Und ich hab noch einen: Trust the process.

Ist schon witzig, wie diese Pinterest-Quotes am Ende eine zwischenzeitlich hoch komplexe, kaum zu beantwortende Eingangsfrage so scheinbar leicht beantworten. Für diesen einen Moment zumindest. Denn vergessen sollte man nicht: Nur weil sie sich jetzt als gelöst anfühlt, heißt es nicht, dass du in einem, zwei oder drei Jahren wieder von vorne beginnst.

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