Lessons to learn: Der Hulk in mir ist doch ein Mensch.

Ich stehe im idyllischen Österreich irgendwo auf weiter Flur, die Sonne ist kurz davor über Berg und Tal für diesen Tag unterzugehen. Das Licht ist wunderschön, die Luft kündigt den Herbst an, die äußere Kulisse so ziemlich perfekt. Und dann passiert es: Aus dem Nichts öffnet sich in mir drin dieser mich aufzehrende Höllenschlund, ich japse nach Luft, ich werde panisch wie ein Vieh, das zur Schlachtbank geführt wird und da ist es – das Gefühl haltlos in die Tiefe zu fallen. Ungebremst hinein ins Nichts. Ich beschleunige meine Schritte, ich will rennen, nein fliehen, um mein Leben rennen um ihm zu entkommen. Dann packt es mich, zwingt mich in die Knie und ich weine die Verzweiflung hinaus. Sekunden und Minuten einer Ewigkeit gleichend, ein Entkommen erscheint unmöglich. Noch mehr Tränen und panisch bis zum Anschlag weiter im Stechschritt. Und irgendwann, nach einer gefühlten Unendlichkeit, es sind in Realität nur wenige Minuten, merke ich, dass sich der Schlund langsam wieder zu schließen beginnt. Man bleibt verdattert stehen, kann es nicht glauben und wartet, stets weiter laufend, auf sein Comeback, das noch brutaler sein wird. Aber es bleibt aus und für diesen Moment ist es vorbei. Vielleicht sind 10 Minuten vergangen, möglicherweise auch 12, man weiß es nicht. Ein raumzeitlicher Furz, schneller vergangen wie eine Eintagsfliege. Was zurückbleibt ist der sich selbst vom Boden zusammenkratzende Rest meines Ichs, das in Sekundenbruchteilen in Stücke zerrissen ist.

Was habe ich mich in Sicherheit gewogen, nein geaalt in einem Lebensgefühl, das scheinbar unumstößlich schien. So viele Lektionen gelernt, so viel verändert, so viele Durchbrüche erzielt. Ich, ja, ich war der Hulk, den ich selbst erschaffen habe. Ich bin aus dem Leid gewachsen in ungeahnte Höhen – innerlich gesegnet mit Reichtum, äußerlich mit vermeintlich gestählten Muskeln und geschwelter Brust. Das harte Training: All worth it and the winner takes it all. Ich war bereit alle Lorbeeren zu ernten. Was hatte ich mir meine wunderschöne, wissenschaftlich fundierte Lebenstheorie zurecht gezimmert. Die war wirklich zu gut um wahr zu sein. Ich war tatsächlich kurz davor mir selbst auf die Schulter zu klopfen! Da hat sie es aber allen gezeigt, die sie jemals verurteilt haben für das, was sie vermeintlich zu sein schien.

Aber das Leben ist anders. Es ist vielschichtig und komplex, es läuft erst lange gerade aus und in vermeintlich ruhigen Bahnen. Irgendwann, ja irgendwann übersiehst du eine Kurve und knallst wahlweise gegen einen Baum, stürzt den Abhang hinunter oder erkennst eines schönen Tages, dass du einfach nur im Kreis gefahren bist. Alles ist möglich. Diese Minuten in den österreichischen Bergen bringen diese Erkenntnis mit einer Klarheit in mein Bewusstsein, als wäre ich in einen kristallenen Bergsee mit 3 Grad Wassertemperatur gesprungen. Nach dem Auftauchen und dem Ausbleiben eines Herzstillstandes ist man nicht mehr die gleiche Person. Diese Erkenntnis hat einen verändert. Weil die Fragilität des Seins mit voller Wucht über einen hereingebrochen ist. Und das, wo du zwei Minuten zuvor noch auf dem warmen, furzgewärmten Kissen, deinen Po plattgedrückt und dich in deiner Wonne geaalt hast.

Und doch ist eins gewiss: Die in Stücke zerrissenen Teile des eigenen Ichs werden sich erneut und in Schwerstarbeit wieder zusammensetzen lassen. Es ist wie mit einer zerbrochenen Vase, die man mühsam wieder zusammenklebt. Sie sieht nicht mehr so glatt und perfekt aus wie zuvor und sie hat viele feine und sichtbare Risse, die sich über den gesamte Korpus erstrecken, davon getragen. Aber sie wird wieder an ihrem Platz stehen, das kann ein anderer sein wie zuvor oder aber der gleiche, der sich nun dennoch anders anfühlt. Weil die Perspektive sich verändert hat und eine neue Dimension hinzugekommen ist: Sie ist zerbrochen und auf eine sonderbare Weise wieder heil geworden. Nie mehr wie davor, aber um Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse reicher.

Das ist wohl auch das, was am Ende übrigbleibt: Das Gefühl, aus allem das Bestmögliche gemacht zu haben und vor allem immer wieder augestanden zu sein.

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