Wir zählen täglich unsere Schritte, die Kalorienzufuhr und tracken unsere Kinder via GPS. Nicht jedoch bevor wir unsere Einschlafroutine brav erledigt, das Dankbarkeitstagebuch gefüllt und die tägliche Dosis Tabletten um Runterzukommen eingeschmissen haben. Das unablässige Zählen und Kontrollieren von Nahrung, Familienmitgliedern und uns Selbst ist nichts anderes, um stets eine bessere, ja optimiertere Version des eigenen Ichs und des Mini-Me zu Tage zu fördern und um das Gefühl zu erhaschen, dass alles safe und unter Kontrolle ist. Wir sehnen uns nach einem gefestigten, sicheren Platz auf dieser Erdkugel und in diesem Leben, das in der nächsten Minute, in einem Jahr oder in zehn auch schon wieder vorbei sein könnte. Die Wahrheit ist: Kontrolle über das Leben gewinnen zu wollen ist eine Illusion und eine Kompensation menschlicher Verlust- und Existenzangst sowie dem unabdinglichen Bedürfnis dazugehören zu wollen (zu was auch immer…).
Das Zahnrad des Kapitalismus: Es läuft und läuft und wir hinterher
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass der Kapitalismus nicht nur erfunden, sondern auch so erfolgreich wurde weil der Mensch durch das erklärte Ziel einer permanenten Steigerung monetärer Mittel, sowohl gesamtgesellschaftlich als auch individuell, ein Instrument gefunden hat, die Illusion von Kontrolle nicht nur aufzubauen, sondern ebenso zu erhalten. Wer rennt, wer geschäftig irgendwelchen Aktivitäten nachhetzt, kauft, macht und tut, der bekommt ein Gefühl von: „Ich hab mein Leben unter Kontrolle, alles läuft nach Plan“. Was aber genau hat er denn unter Kontrolle? Das Bankkonto? Seinen vom Kalorienzählen und bessessen Sport treiben gestählten Körper, den er wahlweise vegan plus Nahrungsergänzungsmittel oder laktose- und glukosefrei ernährt? Seinen gut erzogenen Hund? Das alles kann dieser arme Erdenbürger leider nur so lange aufrecht erhalten bis er früher oder später eintritt: Der große Crash. Manchmal in Form von Krankheiten, Verlusterfahrungen oder auch einfach weil jemand selbst erkennt, dass es in all dem Gerenne nix zu gewinnen gibt, sondern nur das Wichtigste überhaupt zu verlieren, nämlich sich selbst. Selbstentfremdung ist aus meiner Sicht das Symptom unserer Zeit und vermeintliche Selbst- und Lebenskontrolle dessen überkompensatorische Begleiterscheinung, ohne die, alles, einfach alles zusammenbrechen würde. Das ganze kapitalistische Konstrukt würde crashen. Das ist meine Big Bang Theory 2.0.
Die traurige Wahrheit: Individualismus und Entfremdung
Jetzt gibt es da so einige, die sich auf die unterschiedlichste Weise versucht haben davon loszusagen. Man nennt sie Aussteiger oder Selbstversorger oder keine Ahnung wie noch. Jedenfalls versuchen sie so autark wie möglich und so minimalistisch wie nötig zu leben, um sich aus diesem bösen System zu lösen. Das gelingt mal besser mal schlechter, bis irgendwann die Autarkie-Müdigkeit einsetzt und sie spätestens mit um die 30 kapitulieren, sich einen Bürojob suchen und die Schlaftabletten reinpfeifen. Weil auch noch der letzte Aussteiger irgendwann einmal das Gefühl hat: „Ach, jetzt will ich auch mal im sicheren Hafen ankommen.“ Was muss dieser Mensch dafür tun? Er muss mitspielen im gesellschaftlichen Kapitalismus-Game, das er oder sie, wenn man mal ehrlich ist, ja bereits mit der Muttermilch eingesogen hat und nur aus jugendlichem Trotz und dem unbändigen Wunsch nach Abgrenzung für eine Weile erfolgreich verdrängen konnte. Bin ich zu negativ eingestellt, frage ich mich gerade? So läuft es doch fast immer? Die schlechte Nachricht: Es gibt keinen Ausgang aus diesem Labyrinth des Lebens, und der Tatsache, dass jeder Augenblick stets das Ende bereits festgeschrieben in sich trägt. Yuval Noah Harari schreibt dazu: „Der Kapitalismus gibt jetzt auch eine Ethik vor – eine Reihe von Lehren darüber, wie sich Menschen zu verhalten, ihre Kinder zu erziehen und sogar zu denken haben. In der kapitalistischen Doktrin gilt Wirtschaftswachstum als höchstes Gut, oder zumindest als Ersatz für das höchste Gut, denn Gerechtigkeit, Freiheit und sogar Glück hängen vom Wirtschaftswachstum ab.“ (Harari zitiert nach G.Mathé, S.325)
Das ist die Wahrheit. Diese bittere Pille muss dieser unfreiwillig ins Leben geschmissene Erdling einfach schlucken oder konstant in der Verdrängung leben, bei dem das kapitalistische System wunderbare Unterstützung leistet. Die Konsequenz: Dauergestresste und von Kontrollzwängen geplagte Menschen, deren physischen und psychische Verfassung im Dauersinkflug ist. Das ist ein seit Jahrzehnten anhaltender Trend, der stetig zunimmt: „Der […] Anstieg chronischer psychischer und physischer Gesundheitsprobleme, von Depressionen bis hin zu Diabetes, kann kein Zufall sein.“ (ebd. 328) Es kommt aber noch ein Aspekt hinzu, der diesen Effekt verstärkt: Chronischer Stress durch den Versuch Kontrolle zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, ist ein Lauf gegen Windmühlen aufgrund der weltweit zu beobachtenden Tendenz, dass Unsicherheiten zunehmen. Das heißt Menschen sind zunehmend auch Kräften ausgeliefert, die sie überhaupt nicht beeinflussen, geschweigen denn kontrollieren können. (ebd. 329) Das sind beispielsweise größere finanzielle Risiken als vorherige Generationen, drohende Arbeitsplatzverluste in einer sich konstant und immer schneller veränderndern Arbeitswelt durch neue Technologien wie KI, geopolitische Unruhen und Kriege. Hinzu kommt ein durch den Kapitalismus befeuertes individualistisches Weltbild, das jedem Einzelnen die volle Verantwortung für psychische Stabilität und Leistungsfähigkeit überstülpt. Man erinnere sich an den Beginn des Texts: „Hast wohl nicht genug Selbstliebe praktiziert, Dankbarkeitstagebücher gefüllt und dich proteinreich und vegan ernährt? Tja, selbst schuld wenn es dir jetzt schlecht geht. Musst dich halt ein bisschen mehr anstrengen.“ Die Folge ist ein chronisch erhöhter Stresshormonspiegel über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg. Wobei Studien belegen, dass wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen noch eklatant größerem Stress und Unsicherheit ausgeliefert sind als andere. Ein Leben auf dem Drahtseilakt, nennt der Autor Wade Davis in der Zeitschrift Rolling Stone das Leben der meisten Amerikaner. Denn ein Sicherheitsnetz, das einen etwaigen Sturz auffangen könnte, gibt es nicht. (Davis zitiert nach G. Mathé, S. 329)
Die oben angeführten Ausführungen nennt Traumaforscher Gabor Mathé den „normierten Mythos“ und meint den Glauben daran, dass jeder von uns lediglich ein Individuum ist, das rein für sich selbst verantwortlich und nach privaten Zielen strebe. Je mehr wir in dieser Weise zu leben verleugnen, was wir als Menschen wirklich brauchen, desto mehr entfremden wir uns von uns selbst. Ein Teufelskreis. Was wir wirklich benötigen, zu dem Schluss kommt Mathé in seinem Buch „Der Mythos der Normalen“, sind die Befriedigung unserer Bedürfnisse nach „Verbundenheit, Sinn und einem echten Selbstwertgefühl.“ All das ist aber weder durch kapitalistische Erfolge, Titel oder tolle Fremdbewertungen unseres Selbst zu bekommen, denn so lange unser inneres Wertgefühl von kapitalistisch getriebenen, externen Faktoren bestimmt wird, ist Entfremdung unvermeidlich. Konkret heißt das auch: So lange Menschen für extern auferlegte Standards von Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit in diesem System Applaus und Anerkennung für deren Erreichung erhalten, ist eine Abkehr davon kaum möglich. Und diejenigen, die sich am leistungsfähigsten, umtriebigsten und am besten in diesem System mit allen Mitteln durchsetzen, koste es was es wolle, bekommen noch etwas obendrauf: Macht. Es sind auch diejenigen, die am entfremdedsten von sich selbst und aufgrund ihrer Empathie- und Gefühllosigkeit zu allem bereit sind. (Es sei an der Stelle auf gewisse Personen verwiesen, die an der Spitze bestimmter Länder sitzen und alles nur noch schlimmer machen). Je besser du im Zahnrad des Kapitalismus funktionierst, desto mehr wirst du belohnt und desto größer wird der Grad deiner Selbstentfremdung. Das könnte abschließend als die rechnerische Gleichung unserer Zeit bezeichnet werden.
Quellenhinweis und Leseempfehlung:
Maté, G., & Maté, D. (2023). Vom Mythos des Normalen: Wie unsere Gesellschaft uns krank macht und traumatisiert – neue Wege zur Heilung. München: Kösel.