Ich besitze einen Jahreskalender, den ich liebe. Jedes Jahr im Dezember steht in großen, fetten Lettern da: „Es geht vorbei.“ Puh, denke ich dann, das Jahr ist bald geschafft, Endspurt, es dauert nicht mehr lange. Die letzten Wochen sind, warum auch immer, besonders arbeitsintensiv und anstrengend. Pünktlich zum ersten Januar, im Kopf noch im alten Jahr hängend, drehe ich ein Kalenderblatt weiter und es steht da, ebenfalls in dicken, fetten Lettern:“To new beginnings.“ Super, denke ich, neues Jahr, neues Glück! Ebenso: Das letzte war gar nicht so schlecht, viel passiert, viel erkannt, in Summe wirklich gut! Nach diesen Gedanken wird mir klar: Abschiede und Neubeginn passieren in Dauerschleife und das eine passiert niemals ohne das andere.
Nach einer Trennung von Freunden oder ehemaligen Partner folgt erst Trauer, dann meist Wut und irgendwann ein Gefühl von Freiheit, Aufbruch und einem gefühlten Sprung ins neue Leben. Nach Verlusten erleben wir Trauer, dann meist Wut und irgendwann folgt Dankbarkeit für die Zeit, die man hatte oder auch Vergebung für Verletzungen. Weiter geht’s! So passiert es jedem von uns Jahr für Jahr, immer und immer wieder. Man würde meinen man wird im Laufe des eigenen Lebens Profi darin Dinge oder Menschen gehen zu lassen, Abschied zu nehmen, um dann frohen Mutes neu zu beginnen oder anders weiterzumachen. Aber so ist es nicht. Jeder Jahreswechsel, jede Trennung, jeder Verlust fühlt sich genauso melancholisch, traurig wenn nicht gar abrundtief unaushaltbar an wie die vielen Male davor. In diesem einen Fall spielt offensichtlich gelebte Erfahrung keine Rolle. Jedes Mal ist wieder wie das erste. Dabei mus man doch eigentlich nur kurz einmal den Blick weiten aufs große Ganze, auf die Welt und den Lauf der Dinge. Denn dann erkennen wir: Abschied und Neubeginn, neu entstehen und vergehen ist ein Naturgesetz. Das ganze Universum, jeder Mikro- und Makrokosmos funktioniert nach eben diesem Prinzip. Und dennoch: Sobald sich die Blätter im Herbst in allen erdenklichen Farben färben trauern wir dem satten Grün des Frühling und Sommers hinterher und es graut uns von der Kahlheit, Trost- und Farblosigkeit des Winters. Sobald der jeweilige Übergang, der Abschied von einer zur anderen Jahreszeit geschafft ist, ist der Winter plötzlich wunderbar und erstrahlt bei klirrender Kälte mit strahlend blauem Himmel. So schlimm ist er doch nicht, dieser Winter, so lange er bloß nicht allzu lange dauert und rechtzeitig zum Frühling die Temperaturen steigen und alles erneut anfängt zu blühen. Dann blühen auch wir auf, reißen die Fenster auf und strömen ins Freie. Es ist wie es ist: Wir sind tatsächlich Profis im Abschied nehmen und neu beginnen, unser Gehirn lässt uns aber glauben und fühlen es sei jedes Mal das erste. Die Platte hängt könnte man meinen, wir hängen in der Dauerschleife des Lebens und doch ist alles immer wieder neu.
Und so begehen wir auch dieses Jahr 2024 mit einer Stimmung des Aufbruchs. Die einen sind glücklich, dass sie das letzte Jahr endlich verabschieden konnten weil zu schmerzhaft oder traumatisch. Anderen kribbelt es im Po weil sie sich von diesem einen, dem gerade angebrochenen erhoffen das ultimative Jahr ihres Lebens zu werden. Ob es so kommt? Wissen kann das keiner mit Gewissheit. Und dennoch ist eines gewiss:
Wenn ich im kommenden Dezember das Kalenderblatt meines Lieblingskalenders (den ich übrigens wegen der hübschen Illustrationen einfach hängen lasse) umdrehe und lese:“Es geht vorbei“ werde ich denken: Puh, ja endlich es ist geschafft, so viel passiert, so viel erkannt. Und am ersten Tag des darauf folgenden Jahres, ich drehe auf den Januar und sehe frohen Mutes:“To new beginnings“. Dann füllt sich mein Herz erneut mit Vorfreude, schlägt einen Takt schneller und ich wünsche mir für das kommende Jahr viele Neubeginne, viele erste Male, viele Momente des Ergriffenseins, des sich Lebendigfühlens. Und am Ende es Tages werden wir alle dankbar sein, dass sich jeder Neubeginn und jeder Abschied doch wieder anfühlt als wäre es das erste Mal weil es nur so ein Leben ist, das reich und erfüllt sein kann. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, wenn wir mal ehrlich sind, wäre es anders gar nicht denkbar, gar nicht lebbar. Es ist gut so, dass wir eingebunden sind in dieses große Ganze, in diesen unaufhörlichen Lauf der Dinge, des Lebens, der Abschiede und Neubeginne. Denn es ist genau das, was unserem Leben den Wert gibt gelebt zu werden.