Es ist das letzte aufgenommene Bild von dir, das ich sehe, oder die Traueranzeige, die heute erschienen ist und plötzlich schüttelt sie mich, erschüttert sie mich bis ins Mark – die Trauer über deinen Verlust. Der ganze Körper weint, nicht nur die Augen, die die Tränen laufen lassen. Es ist ein Erdbeben an Gefühl, das einen erfasst. Und jedes Mal kommt sie gefühlt aus dem Nichts. Die Trauer um meine Oma, gestorben im Alter von 93 Jahren. 93 Jahre! So alt darf der Durchschnittsmensch ja nicht einmal werden. Er muss irgendwann zwischen 70 und 80 diese Erde verlassen und man könne dankbar sein für die Zeit, die Oma hatte. Bestimmt fünf Mal wiederholt die Pastorin während der Trauerfeier diesen Satz. 93, unglaublich! Es ist doch scheiss egal wie alt jemand wird oder werden darf, der Verlust trifft einen immer unvorbereitet. Das wird mir jetzt klar. Er ist, um es mit Simone de Beauvoir zu sagen, ein gewaltvoller Akt. Jedes Mal wird der- oder diejenige, die es in diesem Augenblick trifft, aus dem Leben gerissen. Ob vorher kürzer oder länger krank, ob durch Unfalltod, aus freien Stücken oder scheinbar sanft entschlummernd. Es ist für die, die bleiben eine Zäsur weil eine klaffende Lücke entsteht durch den Verlust eines Menschen, der innerhalb der eigenen Existenz einfach immer da war. Wie meine Oma. Es gibt mein Leben bis vor ein paar Wochen schlicht und ergreifend nicht ohne sie. Allein das im Kopf klar zu kriegen ist, wie einen festgezurrten Knoten aufknubbeln zu wollen. Er lässt sich einfach nicht lösen. Und klar, war die Distanz in den letzten Jahren größer geworden, allein durch die räumliche Entfernung. Und ja, ich habe mich in fast jedem Telefonat seit gut zwei Jahren immer wieder mit ihr übers Sterben, den Tod und die begrenzte Zeit, die ihr vielleicht noch bleibt, unterhalten. Ihre Unlust aufs Leben wurde gefühlt mit jedem Mal größer, auch wenn sie gut drauf war. Der Körper, die Gelenke, der Zucker, alles beschwerlich. Einer nach dem anderen stirbt weg und es blieb so gut wie niemand mehr übrig, außer sie selbst mit ihren über 90 Jahren. Wer will da noch bleiben? Sie wollte es jedenfalls nicht mehr.
Und jetzt ist sie jedenfalls da, diese Leere, dieses Loch, das nicht mehr zu füllen ist. Weil sie nicht nur die noch letzte Lebende innerhalb meiner Familie war, die wusste was es bedeutet, wenn eine Bombe das Elternhaus zerstört und man im Wald in einer Hütte, gemeinsam mit den Wanzen, das ohnehin wenige Essen teilen muss. Was der Krieg mit einem macht, dieses Trauma, dieses unendliche Leid, das die meisten ihrer Generation fest in sich vergraben hatten und doch unbewusst an ihre Kinder weitergaben. In Form von Sprachlosigkeit weil die Gefühle zu lange weggesperrt wurden, oder in Form von übersteigerter Ängstlichkeit vor allem und jedem, stets in der Erwartung, dass die Bombe wieder einschlägt.
Trauer kommt in Wellen, die sind erst meterhoch und ebben dann nach einiger Zeit langsam ab. Sie kommen nicht mehr so heftig, nicht mehr so häufig und irgendwann, wenn einfach nur etwas Zeit vergangen ist, wabert dieses Gefühl, dass da jemand fehlt nur noch so unterschwellig in einem dahin bis es sich irgendwann ganz verflüchtigt. Dann hat das gelebte Leben wieder die Überhand gewonnen und man ergibt sich dem Fluss, dass alles eben immer weitergeht. Bis man selbst an der Reihe ist, was man sich aber im Grunde nicht wirklich vorstellen kann. Wie gesagt, meine Oma hatte eigentlich keine Lust mehr auf Leben. Sie hat es oft gesagt, sehr oft. Und dennoch kann man es als relativ junger Mensch nicht nachvollziehen. Dass einem das Leben irgendwann überdrüssig zu werden scheint, dass die Kraft einfach nachlässt und, dass man sich einfach irgendwann ergibt. Sie hat sich ergeben. Sie hat losgelassen. Ich glaube nicht an Gott und ich glaube auch nicht, dass sie jetzt zur rechten des allmächtigen Vaters sitzt und auf uns herunterblickt. Wirklich nicht. Aber ich glaube an Energie und, dass alles irgendwie miteinander verbunden ist. Im Moment der Geburt steht der eigene Tod bereits fest. Nicht wann genau, aber dass, das schon. Und ich weiß auch, dass der Zustand vor der Geburt nicht schlimm war, so dass der Zustand nach dem Tod es ebenfalls nicht sein kann.
Als ich heute die erschienene Traueranzeige aus der regionalen Heimatzeitung zugeschickt bekommen habe, hat sie mich wieder erfasst und ich saß im Auto und weinte. Nicht sehr lang, ich hatte mich schnell wieder gefangen, aber so wird das wohl noch eine Weile gehen. Das ist okay, das ist Trauer. Das ist der Wellengang des Lebens.
Heute morgen stelle ich die Heidelbeermarmelade auf den Frühstückstisch und plötzlich ist sie da: Die Gewissheit, dass Oma ja früher einem das Marmeladenbrot in exakte Schnittchen geteilt und, dass sie die Heidelbeere dafür selbst gepflückt hat. Keine Marmelade könnte jemals besser schmecken, obwohl ich bis heute fast auschließlich Heidelbeermarmelade esse, wenn auch gekauft. Oder das Gefühl, dass keine Bettdecke jemals schwerer wiegen könnte, als diese riesige Daune, die einen als Kind fast erdrückt hat, wenn man anstelle von Opa, der schon lange zuvor gehen musste, die Hälfte des alten, knarrenden Ehebetts ausfüllte. Es ist das Gefühl von kindlicher Geborgenheit wie es sie nur bei den Großeltern gibt. Für die meisten von uns zumindest.
Und so bleibt nur ein letzter Gruß und die Erinnerung, die man im Herzen trägt.
Gute Reise, Oma!