Das Reh im Scheinwerferlicht oder kann man zwischenmenschliche Konflikte jemals mögen?

In meinem Elternhaus lief das früher so ab: Erst hat man sich lauthals beschimpft und zerfleischt und am nächsten Morgen so getan, als wäre nichts  geschehen. Man könnte auch sagen: Konflikt erfolgreich unter den Teppich gekehrt. War für die allgemeine Stimmung nicht ganz so dolle, vor allem weil diese lautstarken Auseinandersetzungen fast immer auf der Tagesordnung standen. Konsquenz: Ich hasse Konflikte. Ich halte sie nicht nur ganz schlecht aus, ich muss sie auch mit aller Gewalt so schnell wie möglich lösen. Weil wie gesagt – ganz unangenehmer Zustand. Man hört doch oft so Sätze wie: „An Konflikten wachsen Beziehungen“. Voraussetzung ist natürlich man kann sie lösen. Was macht man mit denen, die scheinbar unlösbar sind? Tja, dann wird’s brenzlig.

Ich habe mich im letzten Jahr intensiv und bewusst mit Beziehungen beschäftigt. Aus gegebenem Anlass offensichtlich. Dabei habe ich gelernt: Es gibt in Beziehungen lösbare und unendliche Konflikte. Sprich Themen, in denen sich zwei Individuen niemals wirklich einigen, weil zwei unterschiedliche Lebensgeschichten, Prägungen und Erfahrungen, zu zwei konträren Haltungen oder auch Verhaltensweisen geführt haben. Also hat man da jetzt neben anderen alltäglichen Themen, einen oder mehrere unlösbare oder auch genannt unendliche Konflikte, die immer und immer wieder aufploppen. Mit dem fast immer gleichen Outcome: Keine Lösung in Sicht. Was macht nun eine Person wie ich, die auf maximale Lösungsfindung aus ist, weil ungelöste Konflikte so fucking unangenehm sind? Aushalten? Scheisse, das geht nicht auf Dauer. Single bis ans Lebensende? Irgendwie auch unbefriedigend.

Das treffendste, anzustrebende Wort, das auch ein Zustand ist, heißt: Konsens. Man muss einen Konsens finden, sich irgenwie in der Mitte treffen. Die Voraussetzung  dafür: Beide müssen sich aktiv drauf einlassen, in diesem einen Punkt von ihrer (oft) festgefahrenen Haltung, Position abrücken und gen Mitte bewegen. Wenn das nicht passiert, oder sich nur einer bewegt würde ich mal behaupten, dann ist Schicht im Schacht. Ohne gemeinsame Kooperation im Sinne der Konsensfindung funktioniert es sicherlich nicht. Ich habe einen solchen Konflikt in meinem Leben, und ich bin leider diejenige, die gefühlt alleine initiiert, anspricht, macht und tut. Mein Gegenüber guckt jedes Mal aufs Neue wie ein angeschossenes Reh aus der Wäsche und kann oder will nicht verstehen, dass Veränderung AKTION bedeutet.  Und was soll ich sagen: Ich hasse diese Situation abgrundtief. Nicht nur, weil der Konflikt konstant unter der Oberfläche wabert, im Alltag dann meist wieder für einige Zeit in der Versenkung verschwindet, und dann plötzlich und gefühlt aus dem Nichts wieder aufploppt. Und wieder schaut der andere wie ein angeschossenes Reh, das sich nicht mehr rühren kann angesichts des grellen Lichtkegels in dunkler Nacht.

Ich könnte jetzt sagen: Immer mit der Geduld! Das Problem ist ich bin nicht nur generell ungeduldig, ich halte eben auch ungelöste Konflikte schlecht aus. Vor allem wird man irgendwann müde vom gefühlten x-fachen Wiederholen des immer gleichen Texts. Zweites Problem: Bekommt man den noch so kleinen Krümel oder hat innerhalb eines Gesprächs doch gefühlt ein klein wenig mehr Verständnis angesichts der Situation ergattert, denkt man gleich: Jetzt aber,  jetzt tut sich was. Ich bin tatsächlich, aufgrund von vorgelebten, extrem eingefahrenen Lebensvorbildern da dennoch sehr skeptisch. Es gibt Menschen, die haben irgendwie keinen inneren Antrieb sich wirklich aus ihrem gewohnten Verhaltensmuster-Sessel zu bewegen. Denen kannst einen Vorschlaghammer über die Rübe ziehen und sie checken es noch immer nicht. Ich verstehe das einfach nicht, werde ich wahrscheinlich nie. Wie kann man Themen oder Konflikte nicht lösen wollen? Es ist doch aller Wahrscheinlichkeit danach für beide Seiten besser oder zumindest eine innerliche Erleichterung und ja, es stärkt auch sicher die Beziehung.

Was machen wir jetzt mit diesen unendlichen Konflikten? Radikale Akzeptanz? Das geht nicht wenn es um sehr grundlegende Themen wie Lebensgestaltung geht. Hilft am Ende nur der Therapeut oder die Therapeutin und wenn auch das nicht fruchtet: Ist es dann das Ende? Oder akzeptiert man und fokussiert sich auf andere Bereiche, die gut sind? Es ist doch ein ständiges inneres Abwägen, ein Für und Wider, aber vielleicht ist es auch einfach: Eine ganz gewöhnliche Beziehung, in der zwei Menschen entweder die Kurve kriegen oder eben scheitern. Kommt ja öfters vor.

PS: Für alle, die wissen wollen was „unendliche Konflikte“ sind, denen sei folgendes Buch empfohlen. Ich mag Ratgeberlektüre eigentlich nicht, aber da steht viel Wahres drin.

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