Über den Unterschied zwischen einem glücklichen, sinnvollen und reichen Leben.
Der Lieblingssatz innerhalb meiner Family war immer: Alles bestens, es läuft alles nach Plan! Kinder und Kindeskinder sind den eigenen Konformitätsansprüchen entsprechend wohl geraten, heiraten um die 30 und bekommen im Abstand von bestenfalls zwei Jahren zwei Kinder. Diese Enkel gedeihen wunderbar „nach Plan“, sind gut in der Schule, hervorragend in Sport und Mathe und selbstveständlich ist das Leben toll, denn es läuft alles wie geschmiert! Die Oberfläche glatt poliert aber darunter ist nichts als gähnende Leere. In meinem nahen und ferneren Umfeld beobachte ich seit langem, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen der Fähigkeit ein Leben zu führen, das individuell und facettenreich ist sowie der Tatsache, dass es in eben diesem Leben Brüche, Krisen und unvorhergesehene Herausforderungen gegeben hat. Die Frage stellt sich also: Benötigt ein Leben mit Tiefgang zwingend die Erfahrung von Leid?
Je länger ich mich philosophiegeschichtlich mit dem Thema Leid auseinandersetze, desto deutlicher zeichnet sich ein Bild, das meine Eingangsfrage in vielen Fällen mit Ja beantworten würde. Ich weiß nicht wie viele, insbesondere Philosophen des Existenzialsmus wie Sartre, Camus, Kierkegaard aber auch Viktor Frankl haben teilweise so traumatische Erfahrungen gemacht (Holocaust überlebt, Kindheitstraumata etc.) und daraufhin so kulturgeschichtlich relevante Erkenntnisse zum menschlichen Dasein entwickelt, dass es einem wirklich den Atem verschlägt. Dass diese Herren ein Leben mit Tiefgang geführt haben, liegt auf der Hand. Offensichtlich sind diese Personen auf einer Skala aber am äußersten Ende, da sie ihr Leben dem Nachdenken über die menschliche Existenz gewidmet haben. Das betrifft somit eher die Minderheit an Menschen, die irgendwann einmal durch Krankheit oder andere Schicksalsschläge gezeichnet worden ist. Aber schauen wir einmal im „realen“ Leben. Ich kann schon über den Daumen gepeilt sicher sagen, dass der Großteil jener, der oder die entweder herausfordernde Startbedingungen hatte und diese im Nachgang im Erwachsenenalter aus gesundheitlichen oder anderen Gründen „bearbeiten“ musste, ein anderes, ich will nicht sagen besseres, jedoch definitiv ein unsteteres Leben leben. Und im Umkehrschluss sind diese Menschen oft auch gute Gesprächspartner:innen. Es gibt defacto auch mehr zu erzählen, als wenn alles immer rundläuft. Irgendwie logisch. Aber wirklich belegen kann man so eine These nicht.
Schauen wir also einmal, was die empirische Forschung so hergibt, denn die Grundfrage, welche hinter den vorangehenden Ausführungen liegt ist eigentlich: Was ist ein gutes Leben? Da scheiden sich die Geister bekanntermaßen seit sehr vielen Jahrhunderten.
Die Psychologie hat darauf lange eine vergleichsweise unbefriedigende Antwort gegeben. Entweder ein gutes Leben ist ein glückliches, im Sinne eines angenehmen und sicheren Daseins oder ein sinnvolles, also eines, das sich als kohärent, zielgerichtet und bedeutsam anfühlt. Glück oder Sinn. Wohlbefinden oder Zweck. Komfort oder Bedeutung. Aber auch: Schwarz oder Weiß.
Beides sind selbstverständlich legitime, erstrebenswerte Lebensformen. Aber sie erklären nicht alles. Sie erklären vor allem nicht jene Lebensläufe, die weder besonders bequem noch durchgehend sinnstiftend waren und die trotzdem im Rückblick als reich und wertvoll erlebt werden. Genau hier setzt ein vergleichsweise junges Konzept an: das der psychologischen Reichhaltigkeit eines Lebens. Die Psychologen Shigehiro Oishi und Erin Westgate schlagen vor, unser Verständnis vom „guten Leben“ um eine dritte Dimension zu erweitern. Ein gutes Leben kann ihrer Ansicht nach nicht nur glücklich oder sinnvoll sein, sondern auch psychologisch reich. Das bedeutet, dass ein Leben von Brüchen, Perspektivwechseln und Erfahrungen (unter Umständen leidvollen), die einen verändern, geprägt ist.
Ein psychologisch reiches Leben ist sicherlich kein glattes, stets „nach Plan“ laufendes Leben. Es ist keines, das sich wie eine gut geölte Maschine anfühlt, die fehlerfrei durchläuft. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist oft unübersichtlich, widersprüchlich, emotional intensiv und es enthält Verirrungen, Umbrüche und Krisen. Aber jetzt folgt die Quintessenz: Genau darin liegt sein Wert. Nicht, weil Leid an sich etwas Gutes wäre, sondern weil bestimmte Erfahrungen uns aus vertrauten Denk- und Lebensmustern herauskatapultieren.
Die Forschung zeigt, dass Menschen, die ihr Leben als psychologisch reich beschreiben, häufiger von unerwarteten Wendungen und von Momenten berichten, in denen ihre bisherigen Überzeugungen ins Wanken gerieten. Sie erzählen von Erfahrungen, die nicht unbedingt angenehm, aber nachhaltig prägend und die ihren Horizont erweitert haben.
Und plötzlich bekommt meine eingangs formulierte Alltagsbeobachtung ein empirisches Fundament. Vielleicht sind es tatsächlich nicht die reibungslosen Lebensläufe, die uns innerlich wachsen lassen. Vielleicht entsteht Tiefe nicht trotz, sondern durch Brüche. Interessant ist auch: In den Studien geben viele Menschen an, sie würden sich im Rückblick eher für ein psychologisch reiches Leben entscheiden als für ein ausschließlich glückliches oder sinnvolles. Sie würden auch dann so wählen, wenn dieses reichere Leben mit mehr Unsicherheit, mehr emotionaler Ambivalenz und mehr Herausforderungen verbunden wäre. Ein erheblicher Teil sagt sogar, dass das eigene Leben ärmer und nich besser geworden wäre, sofern man den größten Fehler oder das größte Scheitern aus dem eigenen Leben entfernen würde.
Das ist bemerkenswert. Und es widerspricht im Grunde jener Lebenslogik, die uns permanent suggeriert, alles müsse effizient, planbar und möglichst schmerzfrei verlaufen. Vielleicht liegt genau hier der Denkfehler, denn wir verwechseln ein funktionierendes Leben mit einem erfüllten. Ein Leben, das „nach Plan“ läuft, minimiert Risiken, aber eben auch Reibung. Es schützt vermeintlich vor Kontrollverlust, aber oft auch vor Erkenntnis.
Psychologische Reichhaltigkeit entsteht also dort, wo Sicherheiten brüchig werden. Wo wir gezwungen sind, neu zu denken. Wo einfache Antworten nicht mehr tragen. Und ja, das geht häufig mit Leid einher. Aber nicht jedes Leid führt unbedingt zu persönlicher Tiefe. Entscheidend ist nicht das Ereignis selbst, sondern was wir damit machen. Ob wir es verdrängen und versuchen die Oberfläche mit aller Macht glattzuziehen oder ob wir uns ihm aussetzen, reflektieren und zuletzt integrieren.
Vielleicht ist also nicht die entscheidende Frage, ob ein gutes Leben Leid braucht. Sondern ob ein Leben ohne Brüche überhaupt die Chance hat, vielschichtig zu werden. Ein psychologisch reiches Leben ist alles andere als bequem. Aber es ist eines, das Geschichten hervorbringt. Und vielleicht ist das am Ende genau das, was wir meinen, wenn wir von einem Leben mit Tiefgang sprechen.
Wir schließen diesen Text mit einem Zitat von Hesse aus seinem Roman „Narziss und Goldmund“:
„Vom Standpunkt des Klosters aus war sein eigenes Leben besser, richtiger, gleichmäßiger, ordentlicher, vorbildlicher … Es war viel reiner, viel besser als das Leben eines Künstlers, Vagabunden und Frauenverführers. Aber von oben gesehen, mit Gottes Augen – war dieses vorbildliche Leben der Ordnung und Disziplin … wirklich besser als Goldmunds Leben?“ (Hesse, 1972, S. 297).
Frag‘ dich selbst! 🙂
Quelle:
Oishi, S., & Westgate, E. C. (2022). A psychologically rich life: Beyond happiness and meaning. Psychological Review, 129(4), 790–811. https://doi.org/10.1037/rev0000317