Verweile Augenblick, Du bist so schön! – DAs hier und Jetzt ist die Ewigkeit

Im Moment sein, im Jetzt leben, das geht wohl im Urlaub am leichtesten weil alle äußeren Stressfaktoren wegfallen – sollte man meinen. Die meisten Menschen sind jedoch so sehr im eigenen Haben-Zustand gefangen, dass auch die freie Zeit maximal für Konsum genutzt wird: Mehr Essen, mehr Trinken, mehr Shoppen, mehr Action, so viele Sehenswürdigkeiten abklappern wie nur möglich und natürlich mehr Fotos knipsen und teilen, um in der virtuellen Welt das eigene Wohlergehen zur Schau zu stellen. Am Ende ist der Koffer noch praller gefüllt als bei der Anreise und ich frage mich: Wie kommt man dauerhaft aus dem Haben-Modus ins Sein obwohl wir doch alle so programmiert sind?

Wer sich damit beschäftigt sein Leben bzw. den Alltag verstärkt bewusst im gegenwärtigen Augenblick zu leben, der muss sehr schnell feststellen, dass das trotz des guten Willens gar nicht so einfach ist. Zu sehr sind wir durch die Notwendigkeit bis zu einem gewissen Grad als ein Rädchen dieser Gesellschaft zu funktionieren, getrieben und in einer Existenzweise des Habens gefangen. Wir rennen zur Sicherung unseres Lebens dem Geld aber auch der Konsumbefriedigung, sozialem Status, dem wahnhaften Kaufen von guten Gefühlen hinterher, um uns selbst eine Identität in dieser Welt zu „erkaufen“. Ich lese gerade Erich Fromm „Haben und Sein“, was diese Problematik wirklich beeindruckend darlegt. Fromm schreibt, dass es in diesem vorherrschenden „Haben-Zustand“ unmöglich ist im Hier und Jetzt zu leben. Weil wir stets an das gebunden sind was wir entweder in der Vergangenheit angehäuft oder was wir in Zukunft haben werden bzw. besitzen möchten. Die eigene Identität ist somit untrennbar mit Dingen von gestern oder von morgen verknüpft. Nicht aber mit dem, was wirklich ist. Im Sein-Zustand, also im Jetzt, gibt es diese Verknüpfung nicht, wir sind in der Zeitlosigkeit, losgelöst von allem im Außen, was uns fälschlicherweise als unsere eigene Identität erscheint. Das reine Wesen ist aber das, was bleibt wenn sozialer Status, Geld und alles im Außen wegfällt. Das ist die Essenz unseres Da-Seins. Tatsächlich ist es auch das pure Glück. Ich habe es für, wenn auch kurze Momente, selbst erlebt. Die Ironie an der Geschichte ist, dass es im Corona-Lockdown war. So tragisch die Entwicklung bzw. Verbreitung dieses Virus auf unserer Welt aktuell ist und so viele Schicksale daran hängen, so dankbar bin ich persönlich für diese Wochen, in denen alle äußeren Faktoren auf ein absolutes Minimum heruntergefahren wurden.

Ein Lockdown im Sein

Die Tatsache, dass ich alleine lebe und keine Kinder im Homeschooling zu betreuen hatte, waren natürlich die Voraussetzung für mein kleines Experiment ganz bewusst alle Kontakte während der gesamten Zeit auf ein Minimum zu reduzieren. Gut, ich hatte hin und wieder Videokontakte und habe natürlich auch gearbeitet aber rein physisch war da niemand außer der Kater und ich. Aber der verlangt ja nix von mir außer einem gefüllten Napf. Ich war also in meinem gesamten Leben defacto noch nie 5-6 Wochen so abgeschottet von der Außenwelt und über so lange Strecken nur mit mir selbst. Was in diesen knapp 6 Wochen passierte, konnte ich vorher nicht erahnen, ursprünglich wollte ich die Zeit einfach so positiv wie irgend möglich gestalten. Was anderes blieb mir (und uns allen) ja auch gar nicht übrig. Nachdem die erste Woche ziemlich schwierig war, wurde es danach eigentlich nur noch besser. Ja, sogar richtig gut. Von einem „mal schauen wie lange ich mich selbst aushalten kann“, zu einem „unbeschreiblichen Gefühl von Zufriedenheit und immer wieder aufflackernden Momenten puren Glücks.“ Wie das ging? Im Nachhinein kann ich es mir nur so erklären: 1. Ich habe mich bewusst dafür enschieden, mich bestmöglich um mich selbst zu kümmern. 2. Jeden einzelnen Tag Zeit in der Natur verbracht, ob mit dem Rad oder zu Fuß egal, hauptsache draußen. 3. Mich mit Themen beschäftigt, die mich wirklich bewegen und interessieren. 4. So viel geschrieben wie noch nie. Durch die Ruhe sind die Zeilen einfach nur so aus mir herausgeflossen. 5. Bewusst auf negativen Nachrichtenkonsum verzichtet, den ich vorher über Wochen praktiziert hatte, weil ich unbedingt verstehen wollte, was Corona mit dieser Welt macht. 6. Meditiert.
Das klingt in Summe irgendwie total banal und man denkt sich vielleicht:“ Und das kann man in einen normalen Alltag nicht integrieren?“ Ich sage es ehrlich: Seit der Lockdown vorbei ist, bin ich weder täglich in der Natur, noch finde ich die Muse, für all die oben beschriebenen Tätigkeiten außer der täglichen 15-Minuten-Meditation. Ach ja, nicht zu vergessen: Gemalt habe ich ab und an auch noch. 😉 Um was es mir aber in der Essenz geht ist: Ich war einfach im Sein. Ich war im Hier, im Jetzt, bei mir und so zentriert wie noch nie. Und das alles weil man wusste: Die ganze Welt steht im Grunde gerade still, keiner erwartet was, keiner will was, es ist okay, einfach hier zu sein. Ich habe mir dadurch irgendwie leichter „erlaubt“ mich ausschließlich um meine Bedürfnisse zu kümmern, losgelöst davon, was im Außen geschieht. Denn das Außen war ja (fast) weg.

Das Danach

Selbstverständlich versuche ich, so gut es irgendwie geht, den Sein-Zustand in mein Leben zu integrieren. Mich zu lösen von Dingen, die einen im Außen halten. Weg vom zu starken Fokus auf den Job, wobei mir das schon vor längerer Zeit gelungen ist. Auch war und bin ich nie jemand gewesen, der sich über Status oder Titel definiert. Aber ich habe konsumiert wie alle anderen auch, das Gefühl, sich aus Frust etwas zu „gönnen“ oder sich mit Konsum abzulenken, kenne auch ich sehr gut. Und Konsum muss ja nicht zwangsläufig teuer sein. Die Zeit hat mir aber gezeigt, dass es einen nur von dem wahren Kern ablenkt, der einen selbst ausmacht. Vor allem, und das ist meines Erachtens der springende Punkt:

Einem ein Gefühl der Zufriedenheit beschert, das kein Jobtitel, Shoppingrausch oder was auch immer, jemals bescheren kann!

Es ist vermutlich das Gefühl, welches Zen-Mönche durch stundenlanges Meditieren tagtäglich erleben. Weil sie alles im Außen ausblenden und den Sein-Zustand in sich kultivieren. Sich vom Haben komplett verabschieden, in sich selbst ruhend leben. Nun sind wir aber alle keine Mönche, die im permanenten „Lockdown“ im Himalaya sitzen. Nein, wir sind in der westlichen Welt geboren und sozialisiert und können eigentlich nur versuchen durch kleine Momente, in denen es uns hin und wieder gelingt, komplett aus dem Haben ins Sein zu kommen, unsere Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Mehr geht nicht, so lange wir ein Teil dieser Gesellschaft sein möchten. Es ist eine Gratwanderung, keine Frage. Aber für jeden noch so kleinen Augenblick, in dem ich einfach bin und denke: „Verweile Augenblick, du bist so schön!“, sage ich danke. Aus vollem Herzen.

Ein absolutes Must-Read zu diesem Thema:

Haben uns Sein von Erich Fromm – Link zum Buch

3 Kommentare zu „Verweile Augenblick, Du bist so schön! – DAs hier und Jetzt ist die Ewigkeit

  1. Liebe Bekki, ich habe lange nicht mehr so einen tiefsinnigen und inspirierenden Blogartikel gelesen. Erich Fromm „Haben und Sein“ habe ich mir direkt mal aufgeschrieben, das klingt super interessant! Tatsächlich habe ich mich total in deinen Zeilen wiederfinden können: Wie du habe ich (kinderlos) den Lockdown auch regelrecht genossen und die Zeit ganz für mich und meine Bedürfnisse genutzt, doch seit einigen Wochen ist es fast so, als hätte es diese Besinnung nie gewesen. Termine folgen auf Termine, Verpflichtungen, Deadlines, das ganze Spiel. Und auch wenn vieles davon ganz tolle und bereichernde Termine sind, nehmen sie doch Zeit weg für MEINE ganz privaten Interessen und Wünsche. Hier möchte ich auch gerne aktiv daran arbeiten, wieder einen stärkeren Zugang zu mir selbst zu finden. Wer weiß, vielleicht finde ich das ja in dem Buch und in weiteren Artikeln von Dir. 🙂 Ganz großes (Lese-)Kompliment auf jeden Fall! ❤

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    1. Hallo Johanna, ja, ich habe Erich Fromm auch durch Zufall entdeckt. Du musst auch unbedingt die Kunst des Liebens lesen! Da steckt so viel Erkenntnis und Wahrheit für uns alle drin. Danke für deinen lieben Kommentar und viele Grüsse an dich!

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