Neulich stand ich in einem der bekanntesten deutschen Discounter. Ich war in einer für mich dort untypischen Zeit, nämlich in der Mittagspause. Was ich dort wollte? Winterabdeckungsschutz für meine Terassenpflanzen kaufen. Ja, ich arbeite an meinem grünen Daumen. Aber zurück zum Supermarkt: Eigentlich wollte ich mir nur kurz den Weg zu meinen Pflanzenrettern bahnen, aber ich musste alle paar Meter warten, entweder weil Einkaufswägen den Weg versperrten, oder jemand so langsam vor mir hertrottete, dass ich meinen, ich gebe es zu, zackigen Laufschritt abprupt unterbrechen musste. Zeitweise Stand ich sogar im Stau. Während ich da so stand und mich umschaute vielen mir die unzähligen, teilweise völlig ergrauten Schöpfe auf, die sich über die Gänge verteilten. Ich konnte eigentlich auf den ersten Blick niemanden unter 60 ausmachen, außer mich selbst. Eigentlich, so hatte ich es von meinem Vater im Kopf, gehen Menschen im letzten Kapitel ihres Lebens zumeist morgens um 7 zum Einkaufen, weil senile Bettflucht und so. Worauf ich aber in diesem Moment hinaus will: Ich stand zur Mittagszeit in einem Billigdiscounter und um mich herum ausschließlich Menschen, die man wohl im geläufigen Sprachgebrauch als „alt“ bezeichnen würde. Der zweite Gedanke war: Sie kaufen so billig wie möglich und es sind viele. Und der dritte gleich hinterher: Ist das, das Bild, das zukünftig eher die Regel, denn die Ausnahme sein wird? Eine alternde Gesellschaft, die sich im Alter ausschließlich vom Billigdiscounter ernähren kann, weil jeder Groschen zweimal umgedreht werden muss? Es ist gesellschaftlich ein bisschen wie mit dem desaströsen Zustand in der Pflege: Alle wissen Bescheid, aber keiner hilft wirklich. Insbesondere, dass es viele sind sehe ich aktuell an meiner eigenen Oma. Knapp 92 und kein Platz im Pflegeheim, und wenn dann doch einer frei wird, geht ihr kleines Häuschen drauf, um die Kosten dafür aufzubringen.
Als ich zuletzt mit ihr telefonierte sagte sie zu mir, ich betone, dass sie noch bei völlig klarem Verstand ist: Ach weißt Rebekka, es wird jetzt wohl nicht mehr allzu lange gehen, bin auch manchmal froh wenn es dann vorbei ist. Zur Klarstellung: Sie redet von ihrem eigenen Leben. Die gute Nachricht: Nach 5 Minuten positiven Zuredens war sie wieder etwas motivierter und erzählte mir von den Menschen aus ihrer Kurzzeitpflege, die permanent in die Hose kacken, nicht mehr wissen welcher Platz beim Essen der ihre ist und die aus der Pflegeeinrichtung abhauen, um später völlig desorientiert am Bahnhof wieder eingesammelt zu werden. Ich höre ihr zu (sie erzählt auch jedes Mal die gleichen Stories um ehrlich zu sein) und ich denke: Ab wann kommt der Zeitpunkt, an dem es kippt und Älterwerden nichts mehr mit ein bisschen weiser und gelassener sein zu tun hat, sondern einfach nur noch zur täglichen Qual wird? Ein Dahinschleppen, ein Schlurfen durch Discountergänge, ein Warten aufs Licht am Ende des Tunnels?
Puh, das Thema ist kein Spaziergang, allein die Tatsache, dass es hin und wieder meine Gedanken einnimmt zeigt: Ich komme in ein Alter, indem das Alter zum Thema wird. Bis vor zwei Jahren und noch unter 40 gab es sie nicht. Soviel steht fest. Sie schleichen sich von hinten an, wenn einem klar wird, dass die Eltern im eigenen Alter bereits ein Teenagerkind hatten oder gerade schwer krank sind, Ausgang offen. Und natürlich die Oma regelmäßig vom Ende spricht. Dann ist das Ende plötzlich in Sicht und der Blick schärft sich für etwas, das davor gefühlt nicht existent war, weil nicht in der eigenen Lebensrealität statttfindend.
Denn eigentlich hat Älterwerden, wenn man es von einer anderen Seite betrachtet, zumindest bis zu dem einen Augenblick, an dem es zu kippen scheint, durch Krankheit, Lebensüberdruss oder einfach Lustlosigkeit weil 90 Jahre genug sind, auch Positives würde ich meinen. Wie oft würde man seinem eigenen jungen Ich gerne die aktuelle Lebenserfahrung senden, es umarmen und sagen: Hey, das wird schon, es ist nicht so schlimm wie es sich gerade anfühlt. Und vor allem: Es geht vorbei! Was sich als junger Mensch kaum bewältigbar und absurd dramatiös anfühlt, dem folgt eine neue Gewisseheit: Man steht in 90% aller Fälle immer wieder auf, egal wie tief man fällt. Und, so höre ich die Stimmen vieler, etwas reiferer Frauen in Interviews und Podcasts: Die anderen und deren Meinung werden einfach egaler – über das eigene Aussehen, die vermeintlichen Unzulänglichkeiten, einfach alles. Weil man irgendwann weiß: Da ist so viel mehr, das einen ausmacht, als die bloße Hülle, die die Jugend so strahlend nach Außen trägt. Man werde gelassener und freundlicher mit sich selbst, unterwerfe sich nicht mehr einfach irgendwelchen auferlegten künstlichen Idealen, einfach weil man es besser weiß. Lebenserfahrung ole. Das klingt doch alles ganz nice, oder nicht?
Aber dann höre ich auch wieder die Worte meiner Oma in meinem Kopf nachhallen und sehe vor meinem geistigen Auge die ungekämmten, teilweise offensichtlich nachlässig um sich selbst kümmernden Geschöpfe durch die Gänge des Discounters schlufen und denke: Ab wann ist alles so egal, dass es gefühlt besser zu Ende geht? Dieser Zeitpunkt wird wohl genauso eintreten, wie die zeitweise Gelassenheit, dass Älterwerden bis zu einem bestimmten Moment, so lange alle Gelenke und der Verstand noch mitmachen bzw. klar sind, gar nicht so schlimm ist. Was einen wiederum zu der Erkenntnis führt, dass es ratsam ist, einfach so gut es eben geht, den aktuellen Moment als den wichtigsten wahrzunehmen. Man entkommt ihm sowieso nicht, diesem unendlichen Kreislauf der Dinge, dem Erblühen und Verwelken, dem Kommen und Gehen, dem Leben und dem Tod.
Bis dahin ist zum Glück noch ein wenig Zeit.