Zwischen Enge und Weite liegt ein Niemandsland.

Manchmal fühle ich mich in meinem Sein ziemlich allein. Nicht weil ich im Außen einsam bin, sondern weil gefühlt nur eine winzig kleine Minderheit an Menschen so tickt wie ich bzw. derart konträre Bedürfnisse in sich vereint. Bedürfnisse, die auf einer Skala entgegengesetzt angesiedelt sind. Da ist dieser eindeutige Wunsch nach Sicherheit und Stabilität, sei es in Beziehungen in Form von Verlässlichkeit und beruflich jeden Monat zumindest die Fixkosten safe gedeckt zu haben. Auch sonst habe ich nichts gegen gewisse Routinen im Alltag, die einem ein heimeliges Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermitteln. Diese Form der Sicherheit ist etwas, auf das ich nicht verzichten kann und will in der Gestaltung meines Lebens. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Hinzu kommt das Streben nach einem Mehr an Weite, an unablässiger Entwicklung über den eigenen Horizont, die oftmals beengende Prägung hinaus. Und die war bei mir erdrückend eng. Der eigene Gartenzaun die unüberwindbare Grenze.

Ich bin schon Jahrzehnte über diesen hinausgewachsen und dennoch habe ich stets das Gefühl die bereits zurück gelegte Höhe reicht noch immer nicht. Dann schwingt das innere Pendel auf die andere Seite und ich fliege nach New York, atme Kunst, Kultur und vibrierende Grosstadtluft, die mich so lebendig fühlen lässt. Zurückzukommen kostet mich dann zwei Wochen Zeit zu akzeptieren, dass mein Alltag sich doch irgendwie klein und eng anfühlt. Weil die Miete und der Trip nach New York auch verdient werden will. Nun schwinge ich in meinem Leben mal besser mal schlechter hin und her, aber wenn ich die Mitte aus beiden Polen hier und da mal kurz austariere und für mich gefühlt in der Balance bin, so schwinge ich meist ziemlich allein da rum. Wie kommt es? Die meisten Menschen, die mir auf meinem Lebensweg bislang begegnet sind haben sich an irgendeinem Punkt ihres Lebens, sei es bewusst oder unbewusst für eine Seite entschieden und auf dieser bauen sie ihr Leben auf. Will heissen: Sie suchen sich einen festen Partner, einen sicheren Job und streben nicht immer, aber häufig  Eigentum an. Das Leben erscheint dann perfekt wenn sich dazu zwei kleine Menschen gesellen, die nicht sonderlich verwunderlich, bestenfalls Mädchen und Bub sind. Alle springen dann gemeinsam im Garten auf einem schönen großen Trampolin in den Sonnenuntergang. Okay, das war jetzt überspitzt aber ich denke verständlich ausgedrückt, um diesen Lebensentwurf nachzuzeichnen. Und dann gibt es diejenigen, die sich ihr Leben auf der anderen Seite einrichten: Sie sind selbständig, oder teilselbständig, leben vermutlich eher in Stadtnähe oder gleich mittendrin und wollen sich nicht so recht auf einen strikten Lebensentwurf festnageln lassen. Sie bleiben offen für Veränderung, sei es persönlich oder beruflich und strikte Routinen, sowohl im Urlaub als auch im Alltag mögen diese Zeitgenossen vermutlich eher weniger. Egal wie sehr man dieses Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung ins Extrem treibt, sie sind eines auf jeden Fall mehr oder weniger: Innerlich frei. Weil sie sich durch äußere Strukturen nicht so sehr begrenzen lassen.

Beide Lebensentwürfe sind wertfrei zu betrachten, sie basieren einfach auf unterschiedlich gelagerten Bedürfnissen, die stärker oder schwächer ausgeprägt sind. Soweit so gut. Was aber machen Menschen wie ich, die permanent von einer Seite auf die andere schwingen, es überall zeitweise gut finden, aber sicherlich niemals ganz auf der einen, aber auch nicht auf der anderen leben können?  Weil sie beide Pole brauchen wie die Luft zum atmen? Die hängen irgendwie allein in der Mitte herum und statten beiden Seiten zeitweise einen Besuch ab. Das könnte alles total easy sein, wenn es nicht schon damit anfängt, dass es in Beziehungen schwierig wird, wenn der Partner nur auf einer einzigen Seite lebt. Das ist an und für sich ja total okay, bedeutet aber, dass man wenn man die andere Seite leben will bzw. in sein Leben integrieren möchte, dies alleine bzw. außerhalb der Beziehung tun muss. Kann das auf Dauer gut gehen, wenn man diese Seite der eignen  Persönlichkeit nicht mit dem Partner teilen kann? Ich bin mir da nicht so sicher. Genau so verhält es sich übrigens mit Freundschaften. Ich kann weder mit Menschen dauerhaft etwas anfangen, die sich innerhalb ihrer engen Grenzen ein für sich schönes Leben aufgebaut haben,  aber auch nicht mit jenen Freigeistern, denen Bodenständigkeit völlig abgeht und die vogelfrei in künstlerischen Höhen und oder Gedanken schweben. Ich kann überall mitmachen und zeitweise voll drin aufgehen, aber dann zieht es mich wieder in andere, oftmals entgegengesetzte Gefilde. Von der Herausforderung sich sein berufliches Leben so einzurichten, dass es sich stimmig anfühlt will ich jetzt erst gar nicht anfangen. Ich kann sagen: Es ist ein dauernder Struggle. Also langweilig wird es zumindest nicht. Ich bin ein Mensch, der sich bemüht nicht in Schwarz und Weiss Kategorien zu denken, sondern offen bleiben möchte für die Graunuancen des Lebens. Aber meine Erfahrung mit bisherigen Lebensabschnittsfreunden und -Freundinnen zeigt: Ich bin damit meist ziemlich allein weil sich die meisten früher oder später in einer Lebenswelt niederlassen. Zumindest zu, so würde ich mal schätzen, 80 Prozent komplett auf einer Seite. Hin und her schwinge ich wie gesagt gefühlt oft allein. So wird es mir in zu festen Strukturen irgendwann zu eng und ich muss ausbrechen aber ausschließlich in höheren Sphären wie bspw. der Kunst oder auch der Philsophie zu kreisen, ist schön, erfüllend und befriedigend, aber eine Erdung muss danach folgen, sonst verliert man, verliere ich den Halt.

Und nun sitze ich hier am Bodenschneidhaus mit Kaffee und Apfelkuchen und beobachte die Kühe nebenan und lausche deren bimmelnden Glocken, die sie um den Hals tragen. Meine Gedanken sind hier frei aber sie haben den ganzen Weg hinauf Zeit gebraucht, um in Worte kanalisiert zu werden. Nun sind sie draußen und auch wenn ich für mein Bedürfnispingpong noch keine Lösung gefunden habe, so sind geschriebene Worte stets der erste Schritt auf dem Weg dahin.

Ich werde nun mit klarem Kopf und etwas leichterem Herzen wieder nach unten wandern und einmal mehr dankbar sein, welch befreiende Wirkung eine kleine Wanderung und eine schöne Aussicht haben. Das Niemandsland der Grautöne ist da, wo ich mich am wohlsten fühle, ein bisschen Stabilität hier und eine große Portion innere Freiheit da. Das ist für mich wahre Lebensqualität.

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