Alles begann mit Faust und einem roten 4-Gang Corsa. Dazwischen viele Jahre der Entfremdung, stets auf der Suche, davor auch lange auf der Flucht. Bis vor zwei Tagen folgendes geschah: Endlich offiziell Philosophin! Endlich die Bestätigung und Legitimation, dass ich als Eremitin in einem Waldhäuschen Bücher schreiben darf (mein insgeheimer Traum ;-)) und nicht als Mode- oder Marketinghäschen kapitalismusgetriebene Unternehmen vermarkten muss. Wobei es dankenswerterweise noch immer diese Unternehmen sind, die mein Leben finanzieren…
Das ist es, was Entfremdung bewirkt: Ein Leben, das sich weder richtig noch stimmig und schon gar nicht gut angefühlt hat.
Da saßen wir in der stockdunklen Nacht oder vielleicht war es auch schon 4 Uhr morgens am Epple-See (richtig, der See heißt wie ich) in meinem alten roten Corsa und redeten: Über Gott, die Welt, das Universum im Außen, unseren eigenen Kosmos im Innern. Irgendwie versuchten wir uns dieses große, verrückte, unverständliche Leben zu erklären. Ich schätze es war im neunzehnten Jahr unseres Daseins und ja, diese Welt lag gefühlt zu unseren Füßen, wenn auch nur in kurzen Augenblicken. Doch es waren diejenigen, die uns am meisten prägten weil sie so wertvoll wie nichts und wieder nichts sein sollten. Sie waren der Grundstein, der uns zu dem gemacht hat, was wir geworden sind: Consciously overthinking people 😉. Gespürt, dass da mehr sein muss als das kleine, doch begrenzte Dorfleben, aus welchem wir stammten, kam mir tatsächlich erst in der Oberstufe mit der Lektüre von Faust. Dieser nach dem perfekten Augenblick suchende, getriebene Mensch, der weder in der kleinen noch in der großen Welt, das heißt weder den reinen Lüsten des Lebens noch den Wissenschaften seine Erfüllung findet und aus Verzweiflung und Verheißung den dunklen Mächten, nämlich Mephisto dem Teufel, einen Pakt schließt und damit seine Seele verkauft. Stoff für die Ewigkeit. uÚnd endlich jemand, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich passte nicht rein, in das Leben, in welches ich hineingeboren und hineingeworfen wurde. Fühlte mich stets fehl am Platz, eine Außenseiterin, die doch nach Außen so wunderbar reibungslos funktionierte. Die jedoch im Innern litt und sich fürs Reinpassen selbst opferte. Wenn es so etwas gibt wie ein wahres, authentisches Ich, dann war es damals bereits in seiner Fülle vorhanden, doch ich konnte dem äußeren Druck nach Anpassung nicht standhalten. Studierte BWL bzw. Marketing weil man das doch (damals zumindest) überall gebrauchen konnte. Hetzte durch die Welt, von Praktikum, zu Praktikum, von Job zu Job und von Ort zu Ort. Es war kein Leben, es war die Flucht davor.
Aber ein Leben kann ja vieles sein, jedenfalls sah es von Außen immerhin gut aus. Sprich: Der Lebenslauf war fast lücknlos, bis auf die Zeiten in denen ich mich in Kliniken eingeliefert habe. Ich könnte kotzen wenn ich darüber nachdenke wieviel wertvolle Lebenszeit es mich gekostet hat zu überleben, anstatt zu leben. Und dennoch bringt all das Hadern nichts, denn eines ist gewiss: Man lernt sehr viel aus Umwegen, auch aus dem Bestreben endlich den Ausgang aus dem Labyrinth zu finden.
Wenn jemand also die Aussage tätigt, dass das Leben dafür da ist zu sich selbst „zurückzukehren“, dann muss ich in meine Fall sagen: Das kann ich bestätigen. Auf (hoffentlich) erst halber Strecke hab ich also einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. Das heißt aber nicht, dass das vermeintliche Ziel in Sichtweite ist. Ich vermute, dass man ein Endziel auch zu Lebzeiten gar nicht erreichen kann, oder doch? Das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass das nicht der Sinn des Lebens ist, dass wir Menschen während der uns zur Verfügung stehenden Zeit dahin kommen. Ich kenne auch Menschen deren Antrieb nicht mal annähernd so groß ist überhaupt irgendwelche großen Sprünge machen zu müssen. Der Grund liegt auf der Hand: Das Glück nicht von sich entfremdet worden zu sein – aus welchen Gründen auch immer.
Den Schluss, den ich daraus ziehen könnte ist, dass das Innere nach innerer und äußerer Harmonie strebt weil alles andere ein wahrlich unangenehmer Zustand ist. Ich bin Anfang diesen Jahres auf die glorreiche Idee gekommen, nachdem ich meine Passwort im Job bereits auf „Alignment“ geändert hatte, mir das Symbol davon tätowieren zu lassen. Haha, bis jetzt ist mein Körper jedenfalls eine weiße, tatoofreie Landschaft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 😉
