Wer kennt sie nicht, diese Menschen, die oftmals so harmlos und nett scheinen und du dennoch nach jedem Kontakt, der länger als 15 Minuten dauert ein Sauerstoffzelt benötigst um dich zu erholen? Weil sie sämtliche Lebensenergie aus dir herausgesaugt haben und du es nicht einmal wirklich mitbekommen hast? Oder aber du merkst es schon währenddessen musst aber in der Situation erst einmal bleiben weil es sich um Kolleg:innen oder Kontakte handelt, die gerade deine Aufmerksamkeit erfordern?
Es gibt sie überall: Im Freundes- und Bekanntenkreis, im beruflichen Kontext oder wahllos Fremde, die es sich zufällig im ICE gegenüber im 4er gemütlich machen. Sie verwickeln einen in harmlose Gespräche, gut und gerne solche, bei denen sie selbst einen Redeanteil von 99,9 Prozent innehaben. Oder du kommst zu Wort und fühlst dich aus welchen Gründen auch immer genötigt gute Ratschläge zu verteilen, um ihnen in ihrer ach so drängenden Notsituation weiterzuhelfen. Sie sind schlau, sind sind findig und sie wollen am Ende nur eins: Deine wertvolle Energie. Für Menschen, die gepolt sind wie ich, die es gewohnt sind zu stabilisieren und zu helfen und stets andere Bedürfnisse über die eigenen zu stellen, ist diese Spezie Mensch der blanke Horror. Ich habe mich insbesonderen im privaten Umfeld von ihnen distanziert und dadurch Freundschaften beenden müssen, sofern trotz wiederholter Gespräche, Bitten und Warnungen, keine Entwicklung möglich war und ich dennoch nach jedem Kaffeeplausch erschöpft in der Ecke lag. In meinem Interview mit NBC News sagt Judith Orloff, Dozentin für Psychiatrie an der UCLA-Universität in Los Angeles und Bestseller-Autorinmit GEO dazu:“Es überrascht nicht, dass die Menschen, die am häufigsten von Energievampiren angegriffen werden, die sensiblen, mitfühlenden Menschen sind, die immer das Gute im Menschen sehen“. Na dann, voll ins Schwarze getroffen.
Aber es gibt sie auch im beruflichen Umfeld. Was tun, wenn man täglich mit diesen Menschen arbeiten „muss“? Absprachen treffen, über Themen beraten, persönlich und digital permanent auf Kommunikation angewiesen ist? An der Oberfläche alles nett und harmonisch verläuft, gesetzte Grenzen vermeintlich respektiert werden und dennoch am Ende eines Tages kein Tropfen Blut mehr durch meine Venen fließt, weil leergesaugt? Es ist zum Wände hochgehen, denn all die guten Ratschläge, die es im Netz so gibt habe ich versucht: kommunikative Grenzen, Pausen, öfter Nein sagen, Distanz schaffen. Egal was ich tue und lasse, es reicht einfach nicht um meine Energie bei mir zu halten und zu schützen.
Die Stimmung der Anderen
Dass die Stimmung anderer Menschen etwas mit einem macht, hat auch die Organisationsforscherin Sigal Barsade erlebt. Bevor sie darüber forschte, arbeitete sie mit einer ausgesprochen mürrischen Kollegin zusammen. Da die beiden kaum direkt miteinander zu tun hatten, hielt sie deren Einfluss auf sich selbst für überschaubar. Bis die Kollegin Urlaub machte. Plötzlich war die Atmosphäre im Team entspannter und geselliger. Nach ihrer Rückkehr waren alle wieder angespannt, erzählt Barsade rückblickend in einem Interview mit dem Wharton Magazine. Die Frau musste niemanden herumkommandieren. Ihre Art, im Raum zu sein, reichte offenbar aus. Eine einzelne Erinnerung ist natürlich noch kein empirischer Beweis. Barsade untersuchte solche Vorgänge deshalb auch experimentell. In einer Studie sollten Gruppen gemeinsam über die Verteilung von Bonuszahlungen entscheiden. Unter den Teilnehmenden saß jeweils ein eingeweihter Schauspieler, der unterschiedliche Stimmungen verkörperte. Tatsächlich zeigte sich, dass sich die Stimmung innerhalb der Gruppen übertrug. Positive emotionale Ansteckung ging unter anderem mit mehr Kooperation und weniger Konflikten einher (Barsade, 2002). Man muss also nicht einmal selbst Anlass für die schlechte Laune gegeben haben, um etwas davon abzubekommen.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Freundlichkeit. Nach außen verständnisvoll bleiben, während man innerlich längst denkt: Bitte geh jetzt einfach. In der Arbeitspsychologie wird das Anpassen des sichtbaren Gefühlsausdrucks, ohne dass die eigenen Gefühle dazu passen, als „Surface Acting“ bezeichnet. Eine Forschungsübersicht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beschreibt Zusammenhänge zwischen diesem Oberflächenhandeln und emotionaler Erschöpfung. Viele der zugrunde liegenden Untersuchungen stammen allerdings aus Dienstleistungsberufen; sie lassen sich nicht einfach eins zu eins auf jedes Gespräch unter Kolleg:innen übertragen (Schöllgen & Schulz, 2016). Trotzdem erkenne ich darin etwas wieder. Ein Gespräch kann äußerlich vollkommen harmonisch verlaufen und mich dennoch anstrengen. Vielleicht gerade deshalb, weil ich mir so viel Mühe gebe, dass man mir meine Anstrengung bloß nicht anmerkt. Damit ist noch lange nicht bewiesen, dass mein Gegenüber morgens mit dem festen Vorsatz aufsteht, mich bis zum Feierabend leerzusaugen. „Energievampir“ ist ein ziemlich treffendes Bild für mein Erleben, aber selbstverständlich keine Ferndiagnose. Ich muss jemandem auch keine böse Absicht nachweisen, um feststellen zu dürfen, dass mich eine bestimmte Form des Kontakts auf Dauer zu viel kostet.
Die innere Zuständigkeitsbeauftragte
Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem ich mich auch noch über mich selbst ärgere. Weil ich es doch inzwischen besser wissen müsste. Weil ich Grenzen setzen gelernt habe, meine Muster kenne und trotzdem abends dasitze wie ein ausgewrungener Waschlappen. Offenbar fehlt mir noch irgendein entscheidender Lifehack. Knoblauch unter der Bluse vielleicht. Im Großraumbüro sicherlich eine interessante Option. Was mich daran besonders wahnsinnig macht: Die andere Person hat womöglich gar nichts offensichtlich Übergriffiges getan. Hat eine Frage gestellt, etwas erzählt, um eine Einschätzung gebeten. Alles völlig legitim. Nur bin ich währenddessen offenbar schon wieder mit meinem gesamten Innenleben bei ihr eingezogen. Habe ihre Stimmung geprüft, ihre Unsicherheit aufgefangen und nebenbei überlegt, wie man ihr das Leben erleichtern könnte. Ungefragt versteht sich. Die eigenen Aufgaben warten derweil geduldig im Hintergrund und werden auch nicht weniger. Vielleicht muss der Vampir also gar nicht besonders fest zubeißen, wenn ich ihm den Hals schon freiwillig hinhalte.
Das klingt jetzt verdächtig nach: selbst schuld. Genau da will ich aber nicht hin. Ich habe mir diese ständige Bereitschaft, andere zu stabilisieren, ja nicht eines schönen Tages als besonders erfüllendes Hobby ausgesucht. Sie war irgendwann notwendig. Nur ist es ein beschissen anstrengendes Geschäftsmodell, wenn man es sein ganzes weiteres Leben fortführt. Und dazu noch unbezahlt und zusätzlich zum eigentlichen Job. Ich kann ein Gespräch nach zehn Minuten beenden und innerlich trotzdem weitere zwei Stunden damit beschäftigt sein. War ich zu kurz angebunden? Hat die andere Person gemerkt, dass ich genervt war? Geht es ihr jetzt schlecht? Sollte ich vielleicht doch noch eine nette Nachricht hinterherschicken? Zack, die nächste Überstunde. Diesmal hat nicht einmal jemand darum gebeten. Es reicht für mich offenbar nicht immer, ein Nein auszusprechen. Ich muss anschließend auch aushalten, dass dieses Nein beim anderen etwas auslösen könnte. Enttäuschung zum Beispiel. Oder Unzufriedenheit. Im schlimmsten Fall findet mich jemand kurzzeitig nicht besonders nett. Für andere eine ganz normale Begleiterscheinung menschlichen Zusammenlebens. Für meine innere Zuständigkeitsbeauftragte jedoch höchste Zeit den Krisenstab einzuberufen. Dabei darf eine Kollegin unsicher aus einem Gespräch gehen, ohne dass ich ihr noch schnell ein gutes Gefühl hinterhertragen muss. Ein Problem darf bis morgen ungelöst bleiben. Und ich darf eine Frage beantworten, ohne gleich die emotionale Gesamtbetreuung des Fragenden zu übernehmen. Das weiß ich alles. Nur hilft mir dieses Wissen herzlich wenig, wenn ich mich bereits wieder dabei ertappe, wie ich die dritte beruhigende Erklärung formuliere, obwohl die erste fachlich vollkommen ausgereicht hätte. Manchmal wäre genau dort Schluss. Nicht erst, wenn ich endgültig nichts mehr zu geben habe. Sondern wenn die Frage beantwortet ist.
Meine Lösungsabteilung hat geschlossen
Judith Orloff wird in ihrem Beitrag über Energievampire am Arbeitsplatz an zwei Stellen ziemlich konkret. Menschen, die ununterbrochen reden, muss man gegebenenfalls unterbrechen. Und Menschen, die ständig Lösungen von einem erwarten, darf man Mitgefühl entgegenbringen, ohne gleich die Retterrolle zu übernehmen. Insbesondere der zweite Punkt trifft bei mir einen Nerv. Denn kaum erzählt jemand von einem Problem, fährt in meinem Kopf bereits die Lösungsabteilung hoch. Möglichkeiten prüfen, Hindernisse vorwegnehmen, Alternativen entwickeln. Dabei hat mein Gegenüber womöglich noch nicht einmal den ersten Satz beendet. Ich arbeite schon, während der andere noch erzählt. Orloffs Empfehlung lautet sinngemäß: Unterstützung zeigen und dem anderen trotzdem zutrauen, selbst eine Lösung zu finden. Das könnte im beruflichen Alltag heißen: „Was hast du bisher versucht?“ Oder: „Welche Entscheidung brauchst du konkret von mir?“ Dann lässt sich eher klären, ob gerade meine fachliche Einschätzung benötigt wird oder ob ich wieder einmal ein komplettes Problem übernehmen soll, das eigentlich gar nicht meines ist. Auch das Unterbrechen klingt zunächst nach einer überschaubaren Aufgabe. Für mich ungefähr so angenehm wie eine Wurzelbehandlung. Ich warte gerne auf die passende Gesprächspause, die bei manchen Menschen leider gefühlt nie eintritt. Vielleicht darf ich deshalb tatsächlich sagen: „Ich unterbreche dich kurz. Was müssen wir für unsere Aufgabe noch klären?“ Und wenn alles geklärt ist: „Gut, dann arbeite ich jetzt daran weiter.“ Diese Formulierungen wären meine Übertragung ihrer Empfehlungen auf den Arbeitsalltag. Ob sie bei jedem Menschen funktionieren? Sicher nicht. Aber sie machen einen Unterschied zwischen „Ich muss mich irgendwie besser schützen“ und einer konkreten Handlung, die ich ausprobieren kann.
Der unangenehme Teil folgt vermutlich danach: nicht doch wieder nachfragen, ob sonst noch alles okay ist. Nicht aus schlechtem Gewissen eine weitere Runde eröffnen. Und dem anderen seine Aufgabe tatsächlich lassen, auch wenn ich längst drei Ideen hätte, wie er sie lösen könnte. Meine Lösungsabteilung darf schließlich auch einmal geschlossen haben. Und trotzdem möchte ich mir nicht einreden, dass ich jede erschöpfende Zusammenarbeit durch ausreichend Arbeit an mir selbst irgendwann angenehm finden werde. Manche Menschen reden tatsächlich ohne Punkt und Komma. Fragen immer wieder nach, obwohl sie längst eine Antwort haben. Machen ihre Dringlichkeit zu meiner oder benötigen für jeden Schritt eine Rückversicherung. Ob sie das absichtlich tun, kann ich nicht wissen. Dass es mich Kraft kostet, ist aber Fakt. Wenn notwendige Absprachen regelmäßig so viel Raum einnehmen, dass für meine eigentliche Arbeit kaum noch etwas übrigbleibt, betrifft das auch die Organisation dieser Zusammenarbeit. Wer entscheidet hier eigentlich was? Warum landet dieselbe Frage zum fünften Mal bei mir? Und weshalb soll ich meine Konzentration schützen, wenn gleichzeitig erwartet wird, dass ich jederzeit ansprechbar bin? Da kann ich lange meditieren. Der nächste Anruf kommt trotzdem.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil meiner Wut: dass ich mich ständig noch besser abgrenzen soll, während um mich herum alles weiterläuft wie bisher. Ich übe Nein sagen und soll am besten dennoch dafür sorgen, dass sich niemand dadurch gestört fühlt. Eine ziemlich elegante Methode, die gesamte Arbeit wieder bei mir abzuladen. Was also tun, wenn sie sich festgebissen haben? Ich habe leider noch keinen Pflock gefunden, den man dezent neben die Tastatur legen kann und der die Sache zuverlässig erledigt. Ich versuche aber genauer hinzusehen: Was wird tatsächlich von mir gebraucht? Was übernehme ich zusätzlich? Und was muss sich im Umgang miteinander ändern, weil ich es auf Dauer schlicht nicht leisten kann?
Ich will mitfühlend bleiben. Ich helfe auch gerne aber ich möchte nach einem ganz normalen Arbeitstag noch genug von Energiereserven für mein eigenes Leben abseits von Job und Verpflichtungen übrig haben. Dann kann ich das Sauerstoffzelt auch endlich an jemanden verschenken, den die Energievampire noch immer nicht in Ruhe lassen. Ich bin danm raus.
Quellen
Barsade, S. G. (2002). The ripple effect: Emotional contagion and its influence on group behavior. Administrative Science Quarterly, 47(4), 644–675.
Krakovsky, M. (2006). When feelings go to work. Wharton Magazine. Interview und Bericht über Sigal Barsades Erfahrungen und Forschung.
Orloff, J. (o. J.). Protect yourself from energy vampires at work.
Schöllgen, I., & Schulz, A. (2016). Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Emotionsarbeit. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.