Flow wanted: Persönliche Ressourcen reaktivieren.

Warum wir durch einen zu starken äußeren Fokus uns selbst im Prozess des Erwachsen-Werdens oft aus den Augen verlieren.

Die meisten Menschen haben als Kind vielfältige Interessen und Hobbies. Sei es der Leichtathletik- und Fussball-Verein, wo wir unsere körperlichen Grenzen kennenlernen und austesten. Das Instrument, welches wir mit Begeisterung erlernen, auch wenn die Überei übelst nervig ist. Oder erleben bei kreativen Hobbies einen Flow nach dem nächsten mit der Konsequenz, dass sämtliche Familienmitglieder unsere erschaffenen Kunstwerke zum Geburtstag, Weihnachten und Namenstag geschenkt bekommen – ob sie nun wollen oder nicht!

Beim Ausleben unserer Interessen, die auch unsere positiven Ressourcen sind, schöpfen wir Kraft und bekommen, auch wenn sie Energie kosten, mindestens ebensoviel Energie wieder zurück. Insbesondere im Zustand des Flows sind wir uns selbst am nächsten weil es ein Zustand der absoluten inneren Entspannung und Freude ist. Jeder kennt das: Gefühlt vergehen in dieser positiven Selbstvergessenheit Stunden wie Minuten und Minuten wie Sekunden, die Wangen sind gerötet vor Schaffensdrang und Lebensenergie.

Spot on – Leistungsdruck ahoi!

Bereits im Schulkindalter beginnt nun folgendes: Wir betreten ein System überfrachtet an Erwartungen, bestehend aus permanenter Bewertung, Leistungsdruck und gesellschaftlichen Zwängen. Erwartungen von Eltern, die den schulischen und beruflichen Wunschwerdegang ihres Sprösslings bereits vor ihrem geistigen Auge erschaffen haben bevor das Kind überhaupt krabbeln kann. Man will ja schließlich nur das beste für den Nachwuchs. Später dann Bewertungen von Lehrern und Mitschülern unserer schulischen Leistungen und des Coolnessfaktors, gemessen an Kleidung, Musikgeschmak und neuestem technischen Gadget. On-top kommt dann, spätestens zum 12. Geburtstag oder sogar noch früher, nicht nur das erste Smartphone sondern auch der eigene Facebook- , Instagram- YouTube und TikTok-Kanal. Was mit einem harmlosen „Mal gucken was die anderen so treiben“ beginnt, endet schnell in einem Gefühl von „bitte nur von rechts fotografieren weil das meine persönliche Schokoladenseite ist“ und ständigem „On-Sein“. Vermutlich folgt insbesondere bei Mädels nicht lange später die erste Diät weil es ein bisschen weniger schon sein könnt und warum überhaupt nicht gleich vegan essen? Ist mega gesund und nachhaltiger sowieso. Kaum volljährig ist die Lampe über unserem Kopf auf 500 Watt angeknipst und wir drehen uns im ständigen Fokus unsere äußeren Attribute bestmöglich zu „verkaufen“ um uns selbst: Das Aussehen, den Körper, die Schulnoten, das Abi, das Studium et cetera pp. Anlog wie digital. Xing und Linkedin lassen auch nicht sonderlich lange auf sich warten weil die digitale Visitenkarte und ein „Sich-vernetzen-in-alle-Richtungen“ über Erfolg und Misserfolg beim Berufstart schon mal das Zünglein an der Waage sein kann. Puh. Ach und hierbei darf man nicht vergessen, dass Dating fast ebenfalls ausschließlich über digitale Plattformen wie Tinder abläuft. Hier wird geswiped was das Zeug hält und die digitale Selbstdarstellung und Bewertung hat ebenfalls die Partnersuche fest im Griff.

Schneller, höher, weiter, besser versuchen wir irgendwie im Rad dieses Lebens mitzuspielen und mitzuhalten! Häufig ist die Folge, dass wir uns mit jedem Lebensjahr, das vergeht ein kleines Stückchen weiter von unserem eigentlichen Selbst entfernen. Hobbies? Mmh, mein Instagram-Kanal? Naja, ich gehe ja 3-4 Mal die Woche zum Sport um fit zu bleiben, das ist schon mein Hobby.

Die Konsequenz ist das Gefühl von einem Leben, das wir vermeintlich selbst gewählt haben und uns darin dennoch immer fremder fühlen.

Zeitsprung: Ehe wir uns versehen sind wir Anfang, Mitte 30, verheiratet, verpartnert, bereits geschieden, noch immer oder wieder Single, mit Kind oder ohne – völlig egal. Plötzlich kommt der Moment und wir fragen uns: „Ist es der Job, den ich machen möchte? Ist die Musik, die ich höre, die die mir wirklich gerade gefällt? Höre ich überhaupt Musik oder schon lange nicht mehr bewusst? Mag ich Theater, Festivals oder Kino? Oder alles gleichermaßen? Netflix oder Prime? Berge oder Meer? Oben oder unten, links oder rechts? Hobby? Lange keine Zeit mehr gehabt darüber nachzudenken. Also kein Hobby. „Ach, eigentlich habe ich keine Ahnung was ich wirklich will und mir wirklich Spass macht, vielleicht hätte ich auch einfach statt BWL lieber Architektur studieren sollen, oder nein gleich Medizin. “ Bäähm. Und eher wir uns versehen schlittern wir schon fast von selbst rein in die persönliche Sinnkrise, die sich wenn wir nicht aufpasssen in sämtliche Bereiche des Lebens erstrecken kann.

Sich selbst verlieren – Wie kommts?

Wir haben uns im Gerenne, Gehetze und Gejage nach äußerer Anerkennung in Gesellschaft, Job und Partnerschaft, im permanenten Strudel der äußeren Reize, ich will nicht sagen selbst verloren aber sicher ein gutes Stück von uns selbst entfernt. Ein permanentes Im-Außen-Sein von frühester Jugend an, führt zwangsläufig dazu, dass wir unsere ureigenen Bedürfnisse immer weniger beachten, sie im schlimmsten Fall gar nicht mehr wahrnehmen bzw. verlernern diese zu spüren. So kann es passieren, dass jemand, dessen größte Leidenschaft es seit seiner Jugend ist, Gedanken und Gefühle in Worten auszudrücken, aufhört zu schreiben bis er der realen Überzeugung ist seine größte und wichtigste im Leben zur Verfügung stehende Ressource des Ausdrucks, verloren zu haben. Die Wahrheit ist aber eine andere: Sie ist nicht verloren, sondern verschüttet! Andere hören auf Saxophon zu spielen weil der Job so einnehmend, der Partner so fordernd ist, schlicht und ergreifend die Zeit fehlt. Wieder andere stellen das Kayak auf den Speicher obwohl das Sein auf, am und im Wasser einem Lebenselixier gleichkommt wie nichts anderes. Oder noch tragischer: Man bilde sich ein im Rennradfahren eine vermeintlich neue Leidenschaft entdeckt zu haben, bemerkt aber nach der Trennung vom Partner, dass es eigentlich seine und nicht die eigene Leidenschaft war, die wir blind übernommen haben, um zu gefallen.

Wege aus dem Dilemma.

Auch wenn es möglicherweise platt, abgedroschen und durchgekaut klingt: Der einzige Weg, den es gibt, ist neu zu lernen den Blick regelmäßig nach innen zu richten. Dies funktioniert auch nicht, indem wir uns mal für 5 Minuten, alle 14 Tage kurz hinsetzen um zu überlegen was man gerne für ein Hobby hätte oder woran es einem im Leben wirklich fehlt. Erstens findet man so keine Antwort, sondern eher dumpfe Ratlosigkeit und zweitens ist das Neu- und Wiederfinden von Bedürfnissen und verschütteten Ressourcen ein Prozess. Wer sich 15 Jahre lang immer weiter von sich selbst entfernt hat, kann wohl kaum über Nacht alle Zwiebelschichten an Erwartungen, Druck sowie Zweifeln und Ängsten wieder loswerden. Wie dann?

  1. Schritt: Lerne geduldig mit dir selbst zu sein und erwarte kein 8. Weltwunder. Die Erkenntnis allein ist der erste Schritt in die Veränderung.
  2. Schritt: Fange an zu meditieren. Und zwar jeden! einzelnen! Tag! Ich weiß, ich weiß wieder eine Sache, die aktuell fast jeder zweite Lifecoach und Yoga-Guru predigt. Aber nur 15 min pro Tag, helfen nachhaltig den Kontakt zu sich selbst wiederherzustellen, innezuhalten, zu sein. Ohne Bewertung, ohne alles.
  3. Schritt: Meditiere weiter.
  4. Schritt: Wenn dir nach einer Weile Themen, Dinge und Ideen in den Kopf kommen, für die du dich plötzlich zu interessieren scheinst, dann beschäftige dich damit. Lies Bücher, recherchiere im Internet, rede mit Freunden.
  5. Schritt: Warte ab, beschäftige dich und meditiere weiter.
  6. Schritt: Wenn du eines schönen Tages morgens aufwachst und denkst: Warum melde ich mich nicht einmal zu einem Kurs an der VHS zum Thema x,y,z an?“ Dann TU ES! Die Veränderung in dir ist in diesem Moment bereits in vollem Gange.
  7. Schritt: Während du jetzt im VHS-Theaterkurs stehst und deine Wangen nur so glühen, du innerlich übersprudelst vor Energie und dir plötzlich einfällt, dass du in der Grundschule leidenschaftlich Theaterstücke aufgeführt hast, dann Herzlichen Glückwunsch! Soeben hast du eine verschüttete Ressource zurück in dein Leben gebracht, gefühlt, erlebt.

Fazit: Selbstverständlich hat jeder Mensch sein eigenes Tempo, seine eigenen Bedürfnisse und Wege. Will heißen: Meine 7 Schritte, sind bei dir vielleicht 5, beim nächsten 9. Ist aber im Endeffekt völlilg egal, wenn wir dadurch in der Lage sind ein Leben für uns ganz alleine zu erschaffen und zu gestalten, in welchem wieder häufiger die Bäckchen vor lauter Begeisterung nur so glühen. Das ist Lebensqualität. Das ist bei sich sein. Das ist am Ende des Tages auch das, was ein großes Stück zum persönlichen Glück beiträgt.

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