#Hinterfragt: Was bedeutet staatliche digitale Überwachung für uns Menschen?

China setzt auf Gesichtserkennung und geht konsequenten Weg gen totalitärer Kontrolle.

Bei meinem allsonntäglichen,  sehr ausgiebigen Frühstück bleibe ich in der SZ bei folgender Schlagzeile hängen: „Gesichtserkennung – kein Kredit mit neuer Nase“. Auch in der Printausgabe steht ein Beitrag darüber, dass jeder, der in China eine neue Handynummer beantragen möchte, ab Dezember sein Gesicht vorher scannen lassen muss. Wenn ich das lese wird mir schlecht und ich muss unweigerlich an den wirklich lesenswerten Bestseller von Dave Eggers „The Circle “ denken, der die totale Transparenz eines jeden Menschen fiktiv bis auf die Spitze treibt. Diese Fiktion wurde, wenn man die Entwicklung in China beobachtet, längst von der Realität eingeholt. Was bedeutet dieser Schritt für die Menschen, die dort leben?

China als technologische Supermacht

Dass China zur technologischen Supermacht emporstrebt ist auch bei uns angekommen. Die neuesten Technologien, insbesondere im Mobiltelefonmarkt, kommen von längst dort. Samsug und Huawei sind schon heute technologisch fast immer einen Tick schneller, als der Rest der Welt. Auch dass dort ein Regime der Zensur (sämtliche Medien inklusive des Internets) , staatliche Kontrolle und rigurose Einschränkung der Pressefreiheit herrscht ist hinreichend bekannt. Nirgends sitzen so viele Journalisten im Gefängnis wie in China. Seit Amtsantritt von Xi Jinping als Staatspräsident im Jahr 2013, verschärft sich die Lage nun noch weiter. Die Regierung stürzt sich geradezu mit brennender Leidenschaft auf die Themen Digitalisierung, AI und Big Data, um die Bevölkerung auch digital vollständig überwachen zu können. Nach der Verknüpfung sämtlicher Internetkonten mit der eigenen Handynummer, erscheint dem Regierungsapparat die Verknüpfung mit dem eigenen Gesicht nur der nächste logische Schritt zu sein : Es dient den Behörden als digitale Identifikationsnummer, so dass jede Onlineaktivität in wenigen Sekunden einem Indivduum zugeordnet werden kann.

Totale Überwachung

Die für uns noch ziemlich befremdliche Vorstellung überall sein Gesicht scannen zu lassen ist im chinesischen Alltag bereits Normalität: Shoppen, Rechnungen zahlen, sogar Schulen und Universitäten kontrollieren so wer rein und rausgeht. Kommt nun die digitale Überwachung noch hinzu, kreiert China ein System der sogenanten „Cyber-Souveräntit“, das in der Lage ist seine Einwohner in allen Lebensbereichen zu überwachen: „Zahlungsmoral, Strafregister, Einkaufsgewohnheiten, Partei-Treue und soziales Verhalten.“
Ich stelle mir gerade vor, dass ich bei Rot über die Ampel laufe, identifiziert werde und öffentlich auf einem Bildschirm mit meinem Gesicht und Namen angeprangert werde. Danach äußere ich mich online unter einem Artikel mit einem kritischen Kommentar zum politischen Geschehen und am nächsten Tag steht die Polizei vor der Türe um mich einzukerkern wegen Kritik am Regierungsapparat. Während ich das schreibe bekomme ich Gänsehaut am ganzen Körper. Übrigens bin dann dank des Social-Scoring Systems schon bei Minus 10 und als gefährlich einzustufen ;-).

Die Vorstellung, dass ich in all meinem Handeln vollständig überwacht werde, beraubt mich innerlich komplett meinem Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Autonomie. Womit wir bei der zu Beginn gestellten Fragen angekommen sind, was das mit Chinas Bevölkerung macht? Ich sehe irgendwie gerade ausschließlich ferngesteuerte, apathische Menschen vor mir, die wie Roboter durch ihren Alltag wandeln – völlig emotionslos. Denn das passiert wenn man einem Mensch seine Selbstbestimmung entzieht: Er stumpft ab, bis hin zur totalen Lethargie und Emotionslosigkeit. Aus historischer Sicht liegt die dikatorische Staatsform in den Genen der Volksrepublik China, so dass jeder, der dort hineingeboren ist, diese Form der Staatsgewalt sicher nicht so dramatisch empfindet, wie ein Europäer wie ich das tut. Wenn ich in Fremdbestimmung und ohne freie Meinungsäußerung plus totale Kontrolle aufwachse, in der die Erfüllung des Individuums irrelevant ist bzw. durch die oben beschriebenen Maßnahmen unterdrückt werden, kenne ich es ja nicht anders. Konkrete Aussagen zur Zunahme von psychischen Erkrankungen konnte ich in diesem Zusammenhang nicht ausfindig machen, außer dass insbesondere in städtischen Gegenden eine Tendenz nach oben zu beobachten ist und, dass Stimtatisierung und Scham diesem Thema gegenüber noch sehr weit verbreitet sind. Was im Umkehrschluss aber bedeutet, dass es wohl ohnehin keine verlässlichen Aussagen über die wahre Verbreitung dort gibt.

Mir ist durchaus bewusst, dass wir in Europa auch in einem System leben, in welchem Gesetze den gesellschaftlichen Rahmen definieren und ich ebenfalls einen Strafzettel bekomme wenn ich bei Rot über die Ampel fahre und geblitzt werde. Auch wir sind nur zu einem gewissen Grad „frei“ bzw. „unfrei“. Dennoch darf ich meine Meinung noch offen äußern und Dinge kritisch hinterfragen.

Kritische Stimmen

Natürlich auch einige andere hier und in der Welt dieser Entwicklung in China kritisch gegenüber. So sei die Software noch viel zu fehleranfällig, was auch der Grund dafür sein soll, warum besagte Frau mit der Nasen-Op plötzlich nicht mehr vom System erkannt wurde. Die USA haben sogar einige chinesische Hersteller von Gesichtserkennungssoftware auf eine schwarze gesetzt und umgekehrt dürfen amerikanische Hersteller nicht mehr ohne Erlaubnis nach China verkaufen.

China-Experte Kai Strittmacher appeliert in einem Interview mit Deutschlandfunk dafür, dass wir die Augen öffnen sollen und müssen. Ein Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen, ist zumindest mal ein Anfang, denn auch Deutschland wird sich gut überlegen müssen wie sie mit den Entwicklungen umgeht, dass China auch global seine Fühler immer stärker ausstreckt. Vor allem wenn ich mir überlege, dass die deutsche Bundesregierung trotz aller Warnungen das eng mit der chinesischen Regierung verbundene Unternehmen Huawei nicht beim Bau unseres 5G-Netzes ausschließen will. Ich wage nicht zu bezweifeln, dass sich Deutschland damit früher oder später angreifbar macht und unser aller Daten in Gefahr sind. Sowohl von Unternehmen als auch von uns Bürgern. China will die digitale Weltherrschaft und diese Entscheidung ist die Eingangstür, mit der wir die Überwachung ins eigene Haus lassen.

Ich verfolge das mit Argus-Augen und berichte weiter…

Zwei hervorragende Buchtipps zu dem Thema sind:
Juli Zeh – Corpus Delicti
Dave Eggers – The Circle

Quellen:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/digitalisierung-und-ueberwachung-in-china-auf-dem-weg-zum.1008.de.html?dram:article_id=438851
https://www.kn-online.de/Nachrichten/Politik/Vorwaerts-in-die-digitale-Diktatur
https://www.sueddeutsche.de/politik/china-ueberwacht-ueberall-1.4646259


 

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