Omas Küche

Bereits unten im Treppenhaus steigt mir der Duft von frischen, mit Marmelade gefüllten Hefehörnchen in die Nase. Voller Enthusiasmus und Bärenhunger renne, ja stolpere ich die Treppe hoch und stürme an meiner grinsenden Oma vorbei ins kleine Vorratskämmerchen hinter der Küche. Raus kommt eine glücklich kauende 8-Jährige, die mit sich, ihrem Hörnchen und der Welt rundum zufrieden ist.

Vor wenigen Tagen wärst du 99 Jahre alt geworden und seit mittlerweile 9 Jahren weilst du auf der anderen Seite. Ich denke besonders oft an dich in diesen Wochen, von denen manche Tage so still und leise vorbeiziehen, als hätte es sie niemals gegeben. Andere wiederum, sind lang und zäh und wollen irgendwie nicht enden. Und dann ganz plötzlich ist er da: Der Gedanke an dich. Ganze 10 Jahre meines jungen Daseins verbrachte ich sie bei dir, meine Kindheitstage. Und bei Opa natürlich auch. Aber du, du hast mir stets das Gefühl gegeben, dass ich geliebt, dass ich beschützt bin. Besonders dort oben in dieser so spartanisch eingerichteten Küche. Nein, da gab es nicht viel. Ein simples Buffet, ein einfacher Herd, ein alter Tisch mit 4 Stühlen und eine Holztruhe am Fenster. Und dennoch war diese Küche meine Wohlfühloase voller Düfte, vielen Leckereien und guten Gefühlen. Mir war damals nicht klar, dass mich diese Jahre bei dir im Nachhinein retten würden, weil es Jahre des Friedens waren, des wahren Kindseins und des Glücks.

Was hast du mit mir um die Wette gepuzzelt, wenn es sein musste auch morgens um 7 Uhr. Du hast mich endlos gekrault und mir fiktive Bilder auf den Rücken gemalt weil ich davon am leichtesten in meinem Mittagsschlaf gefunden habe. Dort eingekuschelt unter meiner Heidi-Bettwäsche auf deiner braunen Cordcouch, die auch schon bessere Jahre gesehen hatte. Du hast gebacken wie eine Königin, nicht nur Hefehörnchen, sondern ebenso Dampfnudeln mit Vanillesoße. Ich sollte bis heute niemals mehr solche Dampfnudeln essen, seit du sie nicht mehr backst. Aber der Geruch und die Erinnerung ist das, was bleibt. Dann bist du so präsent und der Duft von Gebackenem so real, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft.

Manchmal denke ich, dass es die einzige Zeit in meinem Leben war, in welcher ich bedingungslose Liebe erfahren habe. Ich musste nichts tun und niemand sein um von dir geliebt zu werden. Später sah das alles ganz anders aus. Denn später wurde Liebe nur in Verbindung mit Angepasst-Sein, Stabilisierung anderer und dem Unterdrücken eigener Bedürfnisse zu einer Sache, die ich irgendwie nicht mehr einfach so bekommen sollte. Oder eben ausschließlich zu den genannten Bedingungen.

Umso dankbarer bin ich heute wenn ich an dich denke. Für die Zeit, die du mir geschenkt hast, für den Schutz, den ich bei dir erfahren habe und für diese so wertvolle Erinnerung, die bleibt. Deine Küche ist zu meinem gedanklichen Kraftort geworden, zu dem ich zurückkehren kann, wann immer ich es brauche. Besonders dann, wenn ich mal wieder schmerzlich vermisse, was du mir gegeben hast: Sicherheit und Liebe. Dann kehre ich in Gedanken zurück an diesen Ort, der mir all das gegeben hat und mit dem ich all das verbinde: Deine Küche. Du am Herd mit deinem typischen Oma-Schurz wie ihn wohl alle Omas der 80er getragen haben: Mit Blumenmuster und so ultra oldschool. Ich, wie ich am Tisch sitze und puzzle während ich warte, dass du mir irgendwas Leckeres vor die Nase stellst. Natürlich gibt es in meinen Erinnerungen stets Dampfnudeln oder eben Hefehörnchen. Was anderes kommt dann nicht auf den Tisch.

Und so ist auch heute mal wieder einer dieser Tage, an dem ich dich vermisse und all das was ich mit dir verbinde. Umso erfüllter bin ich mit Dankbarkeit zu wissen, dass du immer da bist wenn ich dich brauche – in deiner Küche am Herd im Oma-Schurz. Wenn auch nur in Gedanken.

By the way: Wahre Liebe ist einfach. Man muss dafür nichts bestimmtes sein, nichts machen und auch nichts tun. Sie ist da oder eben nicht.

2 Kommentare zu „Omas Küche

  1. Liebe Bekki, es wundert mich, dass nicht schon mehr Menschen diesen Artikel kommentiert oder zumindest gelikt haben (auch wenn es darum natürlich nicht primär geht): Lange, lange hat mich kein Blogpost so berührt wie Deiner! Ich habe tatsächlich ein paar Tränen in den Augen, vielleicht weil ich auch ein richtiges Omakind bin und deine Gefühle und Gedanken so gut nachvollziehen kann. In jeder Zeile spürt man jedenfalls deine große Liebe zu deiner Oma. Wunderschön! ❤
    Achja, und die Fotos dazu transportieren die Stimmung ebenfalls perfekt, ganz großes Kompliment!

    Liken

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