Sonntagsgedanken: Das Zwiebel-Prinzip

Jahr um Jahr, Schicht um Schicht: Weg mit all den ungesunden Glaubenssätzen, Verhaltensmustern und Blockaden. Warum jedes weitere Jahr Lebenserfahrung es wert ist gelebt zu werden. Es ist die einzige Chance uns unserem wahren Selbst immer stärker anzunähern. Wie eine geschälte Zwiebel. Das kostet zwar möglicherweise viele Tränen, macht das Leben aber um einiges schmackhafter und wahrhaftiger.

Der Ausdruck „persönliche Weiterentwicklung“ ist seit wenigen Jahren gefühlt zu einem richtigen Trendthema geworden. Seit ich im Netz verstärkt nach guten Meditationen und Podcasts Ausschau halte ist mir klar geworden, dass sich daraus ein ganzer Industriezweig entwickelt hat, der einen dabei unterstützen will, sich selbst zur „besten Version unserer Selbst“ weiterzuentwickeln. Ich betrachte das kritisch weil für meinen Geschmack das Thema Selbstoptimierung in diesem Zusammenhang oftmals zu stark mitschwingt. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich eigentlich seit ich Goethes Faust gelesen habe, nichts anderes mache – da war ich 19 und Faust mein Sternchenthema fürs Deutsch-Abi. Dort las ich von den zwei Seelen, die in Faust schlummern und plötzlich wusste ich, dass ich nicht alleine bin in meinem Sein. Nicht so ganz verquer im Vergleich zu meinen Altersgenossen, denn da war Goethe, der mich verstand.

»Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.«

Johann Wolfgang von Goehte

In unserer Zerrissenheit vereint.

Dieser innere Konflikt einerseits in der gesellschaftlichen Welt mit all den Normen und auferlegten Grenzen verankert zu sein und gleichermaßen danach zu streben sich mit dem höheren Sinn dieses Lebens auseinanderzusetzen, eint uns Menschen. Der einzige Unterschied ist, dass es der eine stärker wahrnimmt als der andere, manche vermutlich in Gänze verdrängen. All die Studien zu Juristerei und Medizin haben Faust in seiner Suche nicht weitergebracht zu erfahren „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Die wissenschaftliche Herangehensweise ist auch in meiner Erfahrung keine Möglichkeit diesen inneren Zwiespalt zu überwinden und beide Seiten in der richtigen Dosis ins Leben zu integrieren. Das geht nur indem man, egal wie brutal es auch manchmal sein mag, vom Leben lernt und zwar nonstop und in aller Konsequenz. Nur gelebtes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, mit Gefühlen, die dich innerlich fast zerreissen und Glücksgefühlen, die dich gen Himmel schicken. Der Mensch ist auf diesem Planeten das einzige Lebewesen, das einen Verstand besitzt und somit in der Lage ist seine Existenz zu hinterfragen. Das ist Fluch und Segen zugleich. Ich glaube es kann dafür nur einen Grund dafür geben: Dass sich unsere Seelen weiterentwickeln möchten. Dass wir als Mensch geboren sind, um diese Erfahrung des Menschseins dafür zu nutzen uns selbst zu erfahren und herauszufinden wer wir wirklich sind. Leider ist das nicht so leicht. Denn unsere Wahrnehmung, unser Erleben ist zu einem gewissen Grad verzerrt – von negativen Glaubenssätzen, die durch unsere Prägung entstanden sind und von Druck und noch mehr Druck in dieser Gesellschaft unseren Platz zu finden. The struggle ist also mehr als real.

Adieu ihr Zwiebelschichten.

Die Schichten sollen weg? Es verhält sich unngefähr so: das Menschlein macht eine Erfahrung. Beispielsweise Betrug in einer Liebesbeziehung. Der kleine Mensch fühlt sich verletzt, betrogen, hintergangen und verlassen. Nun hat dieses Menschlein zwei Möglichkeiten: Sich ganz schnell in die nächste Beziehung zu stürzen, nur um irgendwie diesem Schmerz zu entgehen, ihn zu übertünchen, ihn wegzudrücken und nicht fühlen zu müssen. Was passiert? Er sucht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in seiner Panik einen neuen Partner, der ihn ein, zwei oder auch 10 Jahre später verletzt, betrügt, hintergeht und verlässt. Same story, different person. Wieder hat der Mensch die Wahl: Schnell den nächsten oder halt stopp! Da hat sich doch die Geschichte wiederholt? Soll ich möglicherweise etwas daraus lernen? Warum ziehe ich Partner an, die mich immer wieder aufs Neue betrügen? Das ist der Prozess der Reflektion, des Hinterfragens der eigenen Erfahrung. Und genau hier liegt unsere Chance uns einer dicken Zwiebelschicht zu entledigen: Hat dein Vater deine Mutter oft betrogen? Hat er sie für eine andere verlassen? Ja? Ob du nun selbst Betrüger oder Betrogene geworden bist, überlege mal ob du das Verhalten deiner Eltern einfach spiegelst? In dem Augenblick, in welchem du diese Erkenntnis vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein holst und dir darüber klar wirst, dass dies nicht dein eigenes Verhaltensmuster ist, das sich in deinem Leben manifestiert hat sondern es übertragen wurde, hast du eine Chance zur Veränderung.

Warum wiederholen sich über Generationen hinweg manche Geschichten? Genau aus diesem Grund.

Das Ende ist der Moment der Klarheit.

Je mehr Zwiebelschichten wir im Laufe unseres Lebens ablegen können, desto echter, authentischer und wahrhaftiger wird unser Leben. Ich merke auch selbst, dass ich mich befreiter fühle, je mehr ich abtrage. Das ist eine anstrengende Reise, keine Frage aber ich glaube sie ist es wert. Mehr als das. Sie ist der Sinn unserer Existenz. Ich habe ja auf meiner Bucketlist einen etwas ungewöhnlichen Punkt stehen: Mit einem Lächeln auf den Lippen sterben. Nichts aber auch gar nichts zu bereuen. Ich stelle mir vor, dass in dem Augenblick, in welchem ich meine körperliche Existenz verlasse, den Moment erlebe, in welchem alle Schichten weg sind und ich in meinem wahrhaftigen Sein einen absoluten Moment der Klarheit erlebe. So zum Abschied das höchste der Gefühle. Ein erleuchteter Buddha erlebt diese Momente der Klarheit vermutlich bereits in seinem irdischen Dasein innerhalb seiner Meditation. Aber der „normale“ Mensch wie du und ich werden das wohl eher nicht schaffen. 😉 Ich finde auch, dass es mit dieser Vorstellung gelingt, dem in unserer Gesellschaft tabuisierten Akt des Sterbens, etwas von seiner Bedrohlichkeit zu nehmen, ja sogar etwas Positives darin liegt wenn man sich diesen Augenblick als „wahrhaftigsten Augenblick“ unseres Lebens vorstellt.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf das Leben!

2 Kommentare zu „Sonntagsgedanken: Das Zwiebel-Prinzip

  1. Ohhh für diese innere Zerrissenheit hast du aber eine wunderschöne Metapher gefunden. Ich kann dir nur zustimmen – je mehr Schichten man freilegt, umso mehr gelangt man zu sich selbst, zu seinem „inneren Kern“. Und dein Plan „Mit einem Lächeln sterben“ finde ich unglaublich schön. ❤

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