Veränderungsprozesse – Der Mentale Ironman

Der Ironman hat drei Disziplinen: Schwimmen, Laufen und Rad fahren. Bei echten Veränderungsprozessen im Leben, bei welchen man aus Prägungen, Sozialisierung und falschen Verhaltensmustern aussteigen will, reichen drei nicht aus. Man muss innere Berge überwinden, vermeintlichen Stillstand aushalten, Rückschläge verkraften, immer wieder aufstehen und zum Schluss den Mut aufbringen und springen. Sind wir schon bei fünf Disziplinen auf mentaler Ebene. Das kostet mindetens so viel Kraft wie ein Ironman, wenn nicht gar noch mehr.

Ich schreibe diesen Text während ich gerade dabei bin „vermeintlichen Stillstand auszuhalten“. Mein mentales Energielevel geht gen Null, dennoch versuche ich mich körperlich dafür zu rüsten den nächsten Berg zu überwinden, indem ich einen im Außen besteige. Hilft zumindest in dem Moment. Seit Monaten zwickt es in mir drin und ich spüre immer deutlicher, dass mein jetziger Lebensentwurf mit Festanstellung und Angestelltsein sich dabei ist in Luft aufzulösen. Es erfüllt mich nicht mehr auch nur ein klitzekleines bisschen. Jeden Morgen quäle ich mich aus dem Bett weil ich es kaum noch ertrage. Gleichzeitig ist mein Visionboard aktuell noch eine weiße Wand. Will heißen: Ich habe keinen blassen Schimmer wohin der Weg mich führt. Diese gefühlte Perspektivlosigkeit hat mich diese Woche so fertig gemacht, dass ich kaum noch aufstehen konnte. Der Alltag glich einer Qual. Mein Verstand weiß zwar, dass ich auf dem Weg bin und mich Schritt für Schritt der Veränderung nähere aber gefühlt geht gerade gar nichts. Obwohl ich bereits durch Stundenreduktion im Job mir ein klein wenig mehr Freiraum geschaffen habe. Vorerst, so dachte ich, reicht das bis ich den Mut aufbringen kann um zu springen.

Besser wurde es erst in dem Augenblick, als ich mir selbst erlaubt habe es laut auszusprechen: Ich habe keinen Bock mehr! Keinen Bock mehr auf dieses Hamsterrad, keinen Bock mehr auf diese bescheurte Leistungsgesellschaft und keinen Bock mehr auf Tätigkeiten, die am Ende des Tages einfach nichts bewirken und so sinnlos sind wie sonst noch etwas. Ich bin 100% überzeugt davon, dass dies genau die Momente sind, in welchen all die Aussteiger und digitalen Normaden entschließen: Jetzt reicht’s, ich steige aus! Ich bin aber für mich selbst noch immer nicht sicher ob das der Weg für mich sein kann. Auch unter der Palme zu sitzen kann zur Routine werden, auch durch die Welt zu jetten und immer neue Orte aufzusuchen kann einen viel Kraft kosten und Energie rauben. Ein kompletter Ausstieg erscheint mir eigentlich (in Zeiten von Corona sowieso nicht), auch nicht der richtige Weg. Was in einem Zustand des gefühlten Stillstands aber am meisten Angst macht ist, dass man in diesem Moment eine Perspektivlosigkeit erlebt, die einen erdrückt. Man versucht sich seine Zukunft in alle erdenklichen Richtungen auszumalen, vorzustellen wie es sich anfühlt, dies, das oder jenes zu machen aber alles was man sieht ist: Die vorhin erwähnte weiße Wand. Was würde ich sie gerne voller Energie mit bunten Farben bespritzen, wirklich allen, die diese Welt zu bieten hat. Kunterbunt soll sie sein! Das ist das einzige was ich sicher weiß. Vielleicht solte ich erstmal damit anfangen mit Acrylfarbe gegen eine Leinwand zu spritzen und warten ob sich dadurch irgendwelche Eingebungen heraufbeschwören lassen. Im Zweifel habe ich dann zumindest ein buntes Bild gemalt. 😉

Zuück zum mentalen Ironman: Echte Veränderung ist einfach kein Zuckerschlecken, man muss sich durchbeißen, soviel steht fest. Aber wieviele Menschen sind vor mir schon neue, andere Wege gegangen. Wieviele haben den Mut bereits aufgebracht sich vom Lehrer zum Hundetrainer, vom Bäcler zum Yogi, vom Polizeibeamten zum Stripper (ok, jetzt gehts mit mir durch) verändert. Wobei sich Stripper ja auch oft als Polizisten verkleiden, liegen die zwei Berufe also doch nicht so weit von einander entfernt!? Was ich eigentlich sagen will: So viele haben ihr Leben um 180 Grad umgekrempelt weil ihr bis dato gelebter Lebensentwurf nicht mehr passte, zu eng geworden ist, sie ausbrechen mussten. Ich bewundere jeden einzelnen dieser starken Persönlichkeiten weil der Weg ein weiter, anstrengender und wirklich Kräfte zehrender Prozess ist. Eben ein mentaler Ironman mit fünf Disziplinen. Aber am Ende des Tages ist da auch diese unumstößliche Gewissheit, dass es sich lohnt und die Verlockung sich komplett selbst zu entfalten so anziehend wie das geilste Zitroneneis, das ich jemals in Rom gegessen habe. All das lässt mir eigentlich nur eine Wahl: Ich laufe weiter und weiter bis ich irgendwann die Ziellinie überquere, wenn auch mit letzter Kraft das Band niederreiße, auf die Knie falle und vor Glück, Erschöpfung und Erleichterung heule wie ein Schlosshund! Because I did it!

Nächster Kilometer – ich komme!

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