Im Leben „Ankommen“ – Ein erstrebenswertes Ziel oder übler Trugschluss?

Das Gefühl „Ankommen“ zu wollen beschleicht mich immer mal wieder. Zum ersten Mal ganz deutlich kam es nach meiner letzten Trennung über mich. Da war ich 33. Zu jener Zeit hörte ich in meinem Umfeld, die meisten im ungefähr gleichen Alter, von allen Seiten Sätze wie „irgendwann muss man mal einen Punkt setzen und sich festlegen“. Der Großteil derer, insbesondere Frauen, assoziieren damit aber ein Ankommen im Sinne von Mann, Haus, Kind, Hund. Vermutlich auch weil die biologische Uhr so laut anfängt zu ticken, dass ein „Ankommen“ in im Außen geschaffenen festen Verhältnissen und Strukturen, nur eine gefühlte Voraussetzung dafür darstellt, ein Kind in die Welt zu setzen. Aber kann diese Form des „Ankommens“ ein erstrebenswertes Ziel sein? Was machen dann Menschen ohne Kinderwunsch, die dennoch „Ankommen“ möchten?

Bei mir persönlich hat dieser innere Wunsch dazu geführt, dass ich, die seit dem Abitur 12 Mal aus Job- und anderen Gründen umgezogen ist, das Bedürfnis hatte, mich räumlich fest niederzulassen und einem Arbeitgeber, zumindest für 5 Jahre, so mein erklärtes Ziel, die Treue zu halten. Die Konsequenz: Ich investiere in eine Eigentumswohnung, zahle Kredit statt Miete und arbeite nun bald seit fünf Jahren beim gleichen Arbeitgeber. Juhu, Friede, Freude, Eierkuchen! Nun schaue ich gerade durch die Terassentür in meinen „eigenen“ Garten und frage mich: Ziel erreicht? Mein Bauch meldet mir sofort ein klares Nein oder besser gesagt, hat es keine drei Jahre gedauert, bis in meinem Po die Hummeln wieder anfangen sich bemerkbar zu machen, mein Verstand den Job in sämtliche negative Kleinstteile zerlegt und hinterfragt und mein Herz ruft: Kann es das gewesen sein?

Irgendwann geht mir auf, dass auch ich „Ankommen“ an äußeren Umständen festmache: Sicherer Job, Wohnung, Partner oder halt Kater wenn keiner verfügbar (;-)). Innerlich fühle ich mich aber kein bisschen angekommen. Ich fühle mich zwar in meiner Wohnung zu Hause und mein Job ist zwar safe aber nicht sinnstiftend. Bedeutet: Ich bin weit weg von dem urpsrünglich angestrebten Zustand. Offensichtlich bin ich an der Stelle auf dem Holzweg. Verbunden mit einem Gefühl von fehlender Sinnhaftigkeit mache ich mich auf die Suche nach Lösungen. Durch Zufall stolpere ich auf meiner Suche auf das Thema „Spritualität“, das ich in diesem Artikel bereits behandle. Je mehr ich lese und eintauche, desto klarer wird: Ich muss meinen Fokus verändern. Und zwar von Außen nach Innen. Und das dringend! Dass Geld und materieller Reichtum nicht der Schlüssel zum Glück sind, ist uns ja allen irgendwie bewusst und dennoch bin auch ich bis vor wenigen Monaten den äußeren Zielen und Normen, die man durch Erziehung und Medien so indoktriniert bekommt wirklich ganz schön auf den Leim gegangen.

Erkenntnis Nr. 1

“ Solange ich nicht wirklich ein Leben erschaffe, das meinem tiefsten Innersten entspricht, werde ich immer das Gefühl haben, auf der Suche zu sein.“ Nach Zufriedenheit, Frieden, Erfüllung, Sinn und so weiter und so fort. Ich denke man kann kurzfristig dieses Sehnsuchtsgefühl Ankommen, das an blöden Tagen einer Rastlosigkeit gleichkommt sicherlich übertünchen mit äußeren Dingen wie Konsum, durch Partner (ganz falscher Weg) oder irgendwelchen anderen Ablenkungen. Aber ich bin sicher, dass dieses Gefühl dann immer und immer wieder, eher früher als später, an die Oberfläche kommt. Ich befinde mich aktuell in dem Stadium, in welchem ich tatsächlich dabei bin verstärkt Dinge in mein Leben zu integrieren und mich mit Themen zu beschäftigen, die meinem Innersten entsprechen. Wie eben zu schreiben (das ich viele Jahre nicht mehr gemacht habe), mich mit Soziologie und Spiritualität zu befassen, neue Aktivitäten auszuprobieren etc. All diese Möglichkeiten und Interessen, fliegen mir aber erst zu seit ich konsequent meditiere, mich also von Außen nach Innen wende. Ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass man durch Meditation nach und nach tatsächlich mehr bei sich selbst ist. Weil man lernt bewusst hinzufühlen und wahrzunehmen. Ich bin wirklich gespannt, was diese Entwicklung noch alles für mich bereithält. Wer weiß? Wichtig ist, dass es sich 100% richtig anfühlt genau an der Stelle weiter zu machen.

Erkenntnis Nr. 2

„Nicht irgendwo, sondern bei sich selbst ankommen.“ An der Stelle muss ich mich aber wenn ich ganz ehrlich in mich hineinhöre fragen: Ist das überhaupt möglich? Das Leben ist ein Prozess und ich denke, dass man mit wachsenden Erfahrungen, überwundenen Hindernissen und allem, was einem das Leben so vor die Füße knallt durchaus in der Lage ist mehr und mehr zu wissen wer man ist, was man will und nicht will. Aber so richtig bei sich selbst ankommen? Ich habe für mich nun entschieden, dass nur „der Weg das Ziel“ sein kann und vielleicht ist „Ankommen“ gar nicht der Sinn und Zweck dieses irdischen Daseins. Ich korrigiere den Satz also und formuliere ihn so: „Nicht irgendwo im Außen ankommen wollen, sondern in jedem Moment so gut es eben geht bei sich selbst sein“. Dies impliziert, dass ich gar nicht irgendwo oder bei irgendwem sein muss, sondern nur bei mir selbst um zu fühlen was mir gut tut und was ich brauche. Grenzen zu setzen wenn es notwendig ist. Weiterzuziehen wenn es sich richtig anfühlt. Immer wieder in die Selbstreflektion gehen und hinspüren, was sich in einem so tut. Dass einem das als Teil dieser Gesellschaft ziemlich schwer gemacht wird spüren wir alle jeden einzelnen Tag. Ich glaube aber, dass mehr und mehr Menschen erkennen, dass sie einen Gegenpol zu dieser irren Welt da draußen schaffen müssen, um irgendwie innerlich zu überleben. Vermutlich ist dies auch der Hauptgrund für diese boomende Achtsamkeit-Yoga-Spiritualität-Ernährungs-Bewegung, die sich ja zu einem irren Wirtschaftszweig entwickelt hat. Gehe nur auf Spotify und Instagram und suche Spiritualität, Mindfulness, Coach usw. Ohne das allzu abwertend klingen zu lassen habe ich aktuell echt das Gefühl, dass gefühlt jeder Zweite, der mal einen Burnout oder eine Sinnkrise hatte, sich zum Life-Coach ausbilden lässt. Grundsätzlich ist es ja ein feiner Zug anderen aufgrund eigener Erfahrungen helfen zu wollen aber mal ehrlich: Bei einem derart sensiblen Thema wie der Psyche würde ich nie und nimmer auf Menschen sezten, die in einer einjährigen Coaching-Ausbildung was über Psychologie gelernt haben. Oder warum müssen sonst studierte Psychologen on top eine mindestens 3-jährige Zusatzausbildung absolvieren um als Therapeut arbeiten zu können? Sicher nicht ohne Grund.

Quintessenz

Ich für mich spüre, dass ich den Wunsch „Anzukommen“, zumindest was Dinge und Zustände im Außen angeht streichen möchte. Ich bin auch mehr und mehr der Überzeugung, dass dieser Wunsch, den ich da von Zeit zu Zeit verspürt habe viel mit gesellschaftlichen Normen und Prägungen zu tun hat. Zum großen Teil ist es glaube ich anerzogen, insbesondere bei Frauen. Mann, Kind, Hund und weißer Gartenzaun sind also schon einmal gestrichen. Das Gefühl diese zum Ankommen zu brauchen ist also völliger Quatsch, wenn nicht sogar ein Trugschluss, wie ich oben in der Eingangsfrage formuliere. Wenn es also ein erstrebenswertes Ziel im Zusammenhang mit „Ankommen“ geben kann, dann nur wenn man die Perspektive ändert und den Blick nach innen richtet. Ein Ankommen bei sich selbst, wenn auch nur immer wieder für kurze Augenblicke, erscheint mir doch ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Denn das Leben ändert sich wie wir alle wissen ständig, es ist im Fluss! Heraklit sagte schon vor tausenden von Jahren: „Alles fließt“. Wenn ich mich daran halte benötige ich auch gar kein Zustand des Ankommens mehr in dem Sinne, dass ich irgendwo bin und dort für alle Zeiten bleibe. Im Gegenteil: Ich lasse mich mit dem Fluss des Lebens einfach treiben und nehme jeden Moment wie er kommt, mit dem obersten Ziel, einfach nur bei mir selbst zu sein.

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