Von Drückebergern und der Angst vor konsequenten Lebensentscheidungen.

Seit Jahren weiß ich, dass mein ideales Lebensmodell ein 60/40 Modell ist. 60 fix, 40 frei. Genauso lange sage ich mir aber auch: Ja, aber jetzt geht das noch nicht! Warum eigentlich nicht? Dieser Text handelt von Drückebergern und der Angst vor lebensverändernden Entscheidungen sowie der Frage, warum man für eine vermeintliche Sicherheit seine Bedürfnisse im Keller begräbt. Und das obwohl man weiß, dass im Leben nichts aber auch gar nichts safe ist.

Ich bin ein Drückeberger wenn es darum geht mich aus meiner sicheren Jobsituation wegzubewegen. Jedes Mal wenn die Unzufriedenheit über ein 100%iges Angestelltendasein sich wieder ins Unermessliche steigert, ich mich unfrei, beklemmt und müde fühle, denke ich: Ach, wie wäre das schön drei volle Tage zu arbeiten und ich den Rest frei und selbstbestimmt meinen Arbeitsalltag gestalten könnte. Im gleichen Augenblick vernehme ich eine Stimme vom linken hinteren Gehirnlappen, die schreit: Aber nein, jetzt musst du erst einmal noch den Kredit für deine Wohnung kleiner werden lassen und überhaupt möchtest du ja wenigstens zwei Urlaube im Jahr machen und hast es satt jeden Cent zweimal umzudrehen! Arbeite mal noch ein paar Jahre voll, mit 40 kannst du das ja immernoch in Angriff nehmen. Ende. Vielleicht muss ich ergänzen, dass ich jahrelang in scheiß bezahlten, teilweise ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen geschuftet habe und seit fünf Jahren das erste Mal wirklich gutes Geld verdiene.

Das ist also mein Dilemma. Und ich bin sicher, dass es verdammt vielen Menschen gleich ergeht. Fangen wir einmal ganz von vorne an: Die eigene Lebensgestaltung wird maßgeblich von den eigenen Werten beeinflusst. Bin ich ein freiheitsliebender Mensch, der extrem viel Autonomie benötigt oder ein auf Sicherheit gepoltes Wesen? Brauche ich ein hohes Maß an Selbstbestimmung oder agiere ich lieber auf Anweisung? Ist jemand ein Freigeist und Freidenker, dem Autonomie über alles geht, der geht wahrscheinlich in einem „normalen“ Angestelltenverhältnis ein wie eine Primel. Umgekehrt kommt ein extrem auf Sicherheit ausgerichteter Mensch auf keinen Fall damit klar nicht zu wissen, ob er nächsten Monat 500 oder 3000 Euro verdient.

Was macht aber jemand wie ich, der beides gleichermaßen in sich vereint? Der sicher seine Miete bzw. seine Kreditrate abzahlen könnnen muss, der absolut noch nie in den roten Zahlen stand, weil er das nicht aushält aber gleichzeitig wahnsinnige Probleme mit starren Hierarchien und monotonem Angestelltensein hat? Regelmäßig stößt mich das in eine Sinnkrise, anders kann ich es nicht betiteln.

Growth is painful. Change is painful.
But, nothing is as painful as being stuck where you do not belong
.

N.R. Narayana Murthy

Die Angst vor derartigen Entscheidungen lässt sich beliebig auf alle anderen Lebensbereiche übertragen. Allen voran Beziehungen. Menschen harren in unglücklichen Beziehungen aus weil die Panik vor dem vermeintlichen Alleinsein so übermächtig ist, dass sie schier handlungsunfähig werden. Und so warten, warten und warten sie weil ja nie der richtige Zeitpunkt ist sich zu trennen. Der Mensch belügt sich selbst so perfekt und redet sich seine fadenscheinigen Argumente so überzeugend ein, dass er es am Ende selbst glaubt. Und sich mit jedem weiteren „aber warum ja jetzt noch nicht“ einen weiteren Schritt seiner eigenen Selbstaufgabe nähert. Irgendwann verkümmern persönliche Ziele, Träume und die Fähigkeit wirklich für etwas zu brennen komplett. Ich sehe das regelmäßig in meinem beruflichen Umfeld. Menschen, die seit 30 Jahren in die ein und dieselbe Firma rennen weil der Job einfach zu gut bezahlt und das Kissen auf welchem man sich bettet immer dicker wird. Gleichzeitig leiden sie unter chronischen Rückenschmerzen und können es bereits um 8 Uhr nicht erwarten, bis sie um 16 Uhr den Stift fallen lassen können. Sie harren auf ihrem bequemen Polster aus und wenn die Bude irgendwann zusammenbricht, bleiben sie stoisch sitzen. Hauptsache die Kohle fließt.

Ich beobachte an mir selbst, dass ich mit jedem Jahr mehr und mehr von diesem Verhalten annehme, dabei will ich alles, aber nicht so werden. Man darf nicht vergessen: Ich arbeite seit nicht einmal fünf Jahren im gleichen Job! Zwar bin ich sicher, dass ich 30 Jahre ohnehin am Stück nicht schaffe weil der Leidensdruck dann zu groß wird aber mal ehrlich: Was tun?

Die eigene Prägung, auf welche zum großen Teil mein Sicherheitsbedürfnis beruht, zu überwinden ist schier unmöglich. Ich kann Verhaltensmuster hinterfragen und ändern aber Prägung bzw. mein Bedürfnis nach Sicherheit? Halte ich für schier ausgeschlossen. Ich für mich kann also nur daran arbeiten, dass ich mit jedem Jahr ein Stück mehr Autonomie in mein Leben integriere aber ich werde niemals 100% selbständig sein können. Also doch 60/40. 😉 Ja, ja ich weiß, das ist der Weg! Ich schreibe, äh arbeite daran!

Und was ist nun mit dem Dilemma in Beziehungen? Ich denke an der Stelle gibt es nur einen Weg: Zu lernen sich selbst zu genügen und ja, auch selbst zu lieben. Denn nur wer sich selbst nicht vergisst und bei sich ist, der wird spüren wann es Zeit ist zu gehen. Weil man dann frei in den eigenen Entscheidungen ist und nicht nur aus Angst vor dem Alleinsein ausharrt und ausharrt und wartet und wartet auf einen richtigen Zeitpunkt, den es einfach nicht gibt.

2 Kommentare zu „Von Drückebergern und der Angst vor konsequenten Lebensentscheidungen.

  1. Hallo, ich stand vor ein paar Jahren auch vor dieser Entscheidung… allerdings mehr oder minder unfreiwillig. Nach 20 Jahren Workoholiker-Dasein die Erkenntnis, dass es so nicht weitergeht. Und dann stellte sich die Frage: was brauche ich? Ich meine WIRKLICH brauchen und wollen. Die Frage stellte sich überall: wieviel Arbeit, wieviel Geld, wieviel LPs, wieviel Klamotten usw. Und was will ich? Ich meine vom Leben… und was ist das überhaupt: Leben. Naja. Ich glaube heute bin ich einen großen Schritt weiter. Ich arbeite viel weniger (hauptsächlich als „Freelancer“), komme mit deutlich weniger Geld aus, bin VIEL entspannter und auch glücklicher. Allerdings muss ich auch sagen, dass es einen breiten Rücken braucht soetwas durchzuziehen. Denn sozial akzeptiert ist so ein Leben lange nicht. Da stellt sich dann wiederum die Frage: wieviel Freunde brauche ich? Und wer braucht mich? Alles große Themen im Leben und Entscheidungen, vor denen ich mich lange gedrückt habe. Aber mit jeder Entscheidung fühle ich mich besser. Ich wünsche dir, dass du deinen Weg siehst… Herzliche Grüße, Martin

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    1. Hallo Martin, vielen Dank für deine Worte! Ja, dieser Weg ist anstrengend und kostet auch Kraft. Aber mit jedem Schritt fühlt man sich am Ende des Tages freier, auch wenn er noch so klein ist. Ich bleibe dran…;-) Dir alles Gute! Viele Grüsse

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