Gehe wandern und lass‘ los.

In diesen Tagen beschäftigt mich das Thema Loslassen sehr. Loslassen im Sinne von „Etwas Loslassen“ und einmal im Sinne von „Geschehen lassen“. Beide Bedeutungen sind essentiell wenn einen das Leben vor Herausforderungen stellt. Diese zu überwinden, sich zu entwickeln und auch zu akzeptieren, dass es Zeit für Abschied ist – von Menschen oder Lebensabschnitten. Hierbei ist mir klar geworden, dass ein Tag in den Bergen die (für mich) beste Möglichkeit ist in emotional schwierigen Situationen nicht die Bodenhaftung zu verlieren.
Eine Hommage an die Berge.

Dass es sich physisch und psychisch positiv auswirkt draußen in der Natur zu sein und sich zu bewegen, ist von sämtlichen Wissenschaften belegt. Man aktiviert den Körper, atmet frischen Sauerstoff ein und bekommt eine Menge Vitamin D ab, das uns die Sonne für die Ausschüttung von Serotonin bzw. positiven Gefühlen schenkt. Dabei ist so ein Tag in den Alpen eigentlich so viel mehr.

Wandern fördert innere Balance

Es hilft sich zu erden. Je höher ich steige, desto mehr ich schwitze und mehr Schritte ich gehe, umso mehr lasse ich Gedanken, die mich beschäftigen einfach ziehen. Seinen Fokus auf einzig und allein den nächsten Schritt zu richten hat etwas Meditatives, Heilsames für ein aufgewühltes oder zerstreutes Inneres. Daneben beruhigen mich der Geruch von frischem Gras, ja sogar der strenge Dunst von Kuhkacke, der von Zeit zu Zeit meine Nase streift, tut gut. Er versetzt mich emotional in die Vergangenheit, zu ausgelassenen Kindheitstagen auf dem Bauernhof während eines Allgäuurlaubs. Er schenkt mir ein Gefühl des Friedens und wieder lasse ich sämtliche dunkle Gedankenwolken einfach ziehen. Gleichzeitig verschlägt mir ein atemberaubendes Bergpanorama, je höher ich steige kurz den Atem und die damit einhergehende Demut vor der Schönheit der Natur. Zack und wieder entspanne ich innerlich ein bisschen mehr, so dass ich, am Gipfel des Hörnle im Allgäu angekommen, mein inneres Gleichgewicht wieder habe, das mir in den Tagen davor gefühlt abhanden gekommen ist. Ganz oben, so über den Dingen stehend fühle ich mich geerdeter als im Tal, mehr bei mir als zu Hause in meiner Wohnung und klarer im Geist als es im Alltag jemals möglich wäre. Und all das bekomme ich geschenkt, ohne mein geringstes Zutun, einfach nur indem ich einen Schritt vor den anderen setze. Die Berge helfen loszulassen, besänftigen den Geist und schenken meiner Seele eine Auszeit des vollkommenen Friedens.

Gipfelglück

Das eigentliche Highlight folgt erst jetzt ganz oben: Meine geschmierte Stulle für die Pause unterm Gipfelkreuz! Ob man es glauben möchte oder nicht, ein simples Käsebrot schmeckt dort oben zig mal besser als irgendwo sonst. Ich vermute es liegt an meiner Grundschwingung, die sich dort oben einstellt, wenn die Anstrengung des Weges von einem abfällt. Gerade wenn der Pfad dorthin besonders steil und mühsam war. Und wenn ich an diesem Tag besonders vom Glück gesegnet bin, bekomme ich auf dem Weg hinunter, hinunter, hinunter an irgend einer Almhütte noch ein gigantisches Stück Kuchen und einen Kaffee, der wie könnte es auch anders sein, immer noch ein bisschen besser schmeckt als beim Cafe um die Ecke.

Nun kommen wir aber zum eigentlichen Sinn des Ganzen bzw. zum Learning fürs Leben: Denke immer nur an den nächsten Schritt. Egal wie lange die Strecke insgesamt ist, wie steil der Anstieg auch sein mag und die Hürden, die es zu überwinden gilt, auch zahlreich sein mögen. Gehe einen Schritt, atme ein und lasse los. Und wenn sich im Leben eine Situation einstellt wie bei mir letzte Woche, in der ich plötzlich wusste, dass ein bestimmter Mensch nicht weiter in meinem Leben sein kann weil er nicht fähig ist oder auch einfach zu feige sich selbst und sein offensichtlich falsches Verhalten zu reflektieren, dann will sich das Innere kurz dennoch wehren an der Stelle loszulassen. Dann gehe in die Berge, atme ein und lasse los. Und was danach kommt, lass geschehen. Es zählt einzig und allein der nächste Schritt.

Mein literarischer Held ist und bleibt seit jeher Hermann Hesse. Keiner hat meines Erachtens das Leben, die Welt und den Menschen selbst so in seiner Essenz erfasst wie er. Und was könnte an dieser Stelle zum Abschluss dieses Textes besser passen als „die Stufen“. 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Ein Kommentar zu „Gehe wandern und lass‘ los.

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