Sonntagsgedanken: Alle Gefühle dürfen sein.

In einer Gesellschaft, die uns auf Selbstoptimierung, Selbstverwirklichung, Leistung und dem unablässigen Streben nach Glück trimmt, sind schlechte Gefühle irgendwie fehl am Platz. Zumindest war das meine Schlussfolgerung seit ich bewusst Denken kann. Die Konsequenz: Wegdrücken bis der Arzt kommt und sich irgendwann all die aufgestaute Scheiße ihren Weg ins Freie bahnt. Explosionsartig in Form von Ängsten und Attacken, implodierend in Form von Depression, Leere und Sinnlosigkeit. Negative Gefühle waren eine so große Bedrohung für mich, dass ich in einen Lebensmodus gerutscht bin, der nur noch eins beeinhaltete: Flucht. Vor Gefühlen und letztlich vor mir selbst. Die Geschichte einer Befreiung.

Beim Durchlesen meiner Einstiegszeilen muss ich gestehen, dass diese ziemlich krass klingen. Aber ich sage es ehrlich: Es ist krasser als man es sich vorstellen kann. Denke ich heute darüber nach wie lange ich so gelebt habe, dann steigt in mir eine beißende Wut auf und ich würde am liebsten mit einem Megaphon in der Hand auf sämtliche Marktplätze dieses Landes rennen und allen sagen: Lasst eure Gefühle raus! Und zwar alle! Schämt euch nicht für Scham, steht zu eurer Angst, schluckt nicht eure Wut und um himmels willen auch nicht eure Tränen. Sie sind okay. Sie haben ihre absolute Berechtigung. Ich weiß aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass meist der Wunsch nach Zugehörigkeit und auch Liebe dazu führt, dass man anfängt seine wahren Gefühle in einen Schrank zu sperren, abzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen. Die Angst vor Ablehnung, sei es innerhalb der Gesellschaft aber auch von Freunden und Partnern kann so übermächtig sein, dass wir anfangen uns selbst zu kasteien, Gefühle und Bedürfnisse permanent zu unterdrücken. Das geschieht so lange bis wir sie unter Umständen gar nicht mehr fühlen können. Ich kenne Menschen, mich eingeschlossen, die Jahre ihres Lebens verbracht haben ohne eine einzige Träne zu vergießen. Bei mir kam tatsächlich nur noch was bei irrsinnig traurigen Filmen. Es ist aber nicht wirklch heilend Tränen über das fiktive Drama erfundener Personen zu weinen. Das fühlt sich vielleicht kurzfristig erleichternd an aber damit hat man sicher nicht die eigene Trauer über Verluste im eigenen Leben verarbeitet. Deshalb appeliere ich an dieser Stelle, zwar ohne Megaphon, aber dennoch mit flammenden Worten: Lass sie raus! Alle! Ich werde das im Laufe dieses Textes noch einige Male wiederholen, soviel ist sicher.

Wut tut gut

Kommen wir zurück zum Gefühl der Wut. Wut ist ein wahnsinnig akvtivierendes Gefühl, das uns ins Handeln bringt. Ohne Wut wären wir nicht in der Lage Grenzen zu ziehen wenn andere diese überschreiten, uns Luft zu verschaffen wenn uns jemand verletzt oder schlecht behandelt. Wut ist ein Katalysator zur Veränderung und Abgrenzung. Was also passiert wenn Wut permanent unterdrückt wird? Möglicherweise viele Jahre? Sie richtet sich irgendwann gegen einen selbst. Selbsthass und Depression, die übrigens nichts anderes als implodierende Wut sind, können die Folge sein. Es müssen aber nicht zwanglsläufig psychsiche Probleme auftreten, in welchen sich die permanente Unterdrückung von Wut manifestiert. Auch chronische Rückenschmerzen, die im Grunde nichts anderes als eine körperlich manifestierte Depression sind, zählen dazu. Es kann auch das Gegenteil passieren: Dass sich die Wut irgendwann so unkontrolliert ihren Weg nach außen bahnt, dass Wutausbrüche so heftig an die Oberfläche kommen und man um sich herum alles kurz und klein schreit. Überkompensation ist nicht wirklich angenehmer als andersherum. Einzig an diesem Beispiel wird deutlich wie wichtig das Äußern von Gefühlen für unsere Gesundheit sind. Das ganze System von Körper und Geist wird krank wenn sie nicht gefühlt werden aber eigentlich gefühlt werden sollten.

Sag ja zu Konflikten

In diesem Zusammenhang macht es auch Sinn die eigene Konfliktfähigkeit zu prüfen. Auch hier lag bei mir selbst ein großes Defizit. Ist man permanent damit beschäftigt es anderen recht machen zu wollen, im Job Anerkennung zu erhalten und von Kollegen gemocht zu werden, neigen wir gerne dazu auftretende Konflikte unter den Tisch zu kehren. Nur um des Friedens Willen und um Harmonie zu wahren. Das ist aber ein ganz trügerisches Verhalten denn es trägt weder zur dauerhaften Funktionlität von Teams, noch zum eigenen Wohlbefinden bei. Unter den Tisch gekehrte Konflikte brodeln immer unter der Oberfläche und vergiften auf Dauer die Atmospähre, als dass sie zu echter Harmonie beitragen. Was ja der eigentliche Wunsch war, der überhaupt zur Konfliktvermeidung geführt hat. Und wieder bedeutet es, dass wir beispielsweise nicht ansprechen wenn wir uns ungerecht behandelt oder übergangen fühlen oder wir Wertschätzung angesichts der geleisteten Arbeit vermissen. Wir schlucken hinunter anstatt es offen anzusprechen. Am Endes des Tages schaden wir dadurch uns selbst am allermeisten.

Schöpferisch werden

Im Lernrprozess all diese Gefühle wieder zuzulassen und zu bejahen auch wenn sie sich natürlich erstmal schlecht anfühlen, hilft es ungemein sich einen eigenen Ausdruckskanal zu suchen, der einen hierbei unterstützt. Das kann im Grunde alles sein, was gut tut. Oft ist es kreatives Schaffen wie Bilder malen, Texte schreiben (wie in meinem Fall ;-)), Musik machen oder was auch immer. Ich glaube der berührendste Song und das schönste Bild wurden erschaffen weil ein ganzer Sturm an Gefühlen sich darin entladen konnten. Das spüren alle anderen und ist der Grund warum uns manche Melodien oder Worte direkt ins Herz treffen.

Achtsamkeit plus Mut ist gleich Befreiung

Um Gefühle auszudrücken und auszusprechen ist es natürlich erst einmal Voraussetzung, dass man diese überhaupt wahrnimmt. Ich war jahrelang so mit Wegdrücken beschäftigt, dass ich am Ende eigentlich gar nichts mehr gefühlt habe. Ich hatte mit niemandem Streit, keinen echten Konflikt oder Diskurs. Klingt nach einem entspannten Leben? Ja, für die anderen vielleicht aber es endet in der Höllenqual für einen selbst. Deshalb bin ich in dieser Phase meines Lebens auch so unendlich dankbar, dass ich die Meditation für mich entdecken durfte und sie mittleile zu einem festen Bestandteil meines Alltags geworden ist. Den Fokus nach innen zu lenken ist ein regelrechter Gamechanger in Sachen Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Kein Witz. Es ist eine Wohltat und das vielleicht größte Geschenk, das man sich selbst machen kann. Für mich persönlich ist es das auf jeden Fall. Sport okay, das hilft auch beim Abbau von aufgestauten Emotionen aber auch dann sind sie noch lange nicht verarbeitet bzw. ausgedrückt. Und das sollte immer das Ziel Nummer 1 sein: Raus mit ihnen! Was hierzu nun noch fehlt, insbesondere zu Beginn, ist die Überwindung es auch zu tun. Ja, das erfordert eine gehörige Portion Mut! Wer lange darauf konditioniert war es allen recht zu machen, nur um Konflikte zu vermeien, der kann nicht von einer Sekunde auf die andere plötzlich anderen die Meinung geigen oder dem Chef sagen, dass er dieses oder jenes möglicherweise nicht im Sinne einer guten Zusammenarbeit gehandelt hat. Es ist alles andere als einfach, ich gebe es zu. Es ist ein längerer Prozess des Spürens und der Überwindung es Auszudrücken. Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich lohnt und vor allem, dass es mit der Zeit leichter wird. Für dich, für mich, für uns alle.

Der Lohn für die ganze Mühe ist mit jeder einzelnen Emotion, die nach draußen darf: Du fühlst dich befreit, du fühlst dich 100 Kilo leichter, der Druck auf deiner Brust ist weg und du bist mit jedem weiteren Mal ein klein wenig stolzer auf dich selbst! Wenn es das nicht wert ist, dann weiß ich es auch nicht. 😉

In diesem Sinne wünsche ich einen wundervollen Sonntag!

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