Sonntagsgedanken: DAs Einhorn-dilemma

Der Sommer nimmt Fahrt auf und nach zwei Tagen am See bin ich sicher: Das Einhorn ist nicht nur gekommen um zu bleiben, es ist auch das sich am schnellsten vermehrende Tier, das der Mensch je auf diesem Erdball entdeckt hat. Im Winter verkriechen sie sich zwar und lassen die Luft raus um sich ins Kellerregal zu quetschen aber weh oh weh das Termometer steigt für wenige Tage über 25 Grad, dann kommen sie aus ihren Löchern gekrochen. Dann schaukeln sie neben unzähligen SUP-Paddlern was das Zeug hält auf den Seen dieses Landes. Bis zum Maximum aufgepumpt und in ihrer quietschbunten Pracht.

Meine Feldstudie zu dieser Spezie bringt mich zu dem Schluss, dass die Einhörner meist zu weiblichen Pilotenbrillenträgerinnen gehören, die mit ihrem Männchen ihre im Fitnessstudie gestählten Muskeln bräunen oder der 4-köpfigen Familie mit zwei Töchtern und Sonnenzelt, die vergnügt auf ihrem Einhorn in den Wellen treiben. Mein Ursprungsplan am See etwas Zeitung und mein Buch zu lesen geht somit gehörig nach hinten los weil ich wie gebannt dasitze und die Einhorn-Besitzer, fanatischen SUP-Paddler, Kreuzworträtsel lösenden Rentner auf Klappstühlen, Familien mit komplettem Hausstand inklusive drei Kühltaschen, Grill und Liegestuhlarrangement beobachte, wie sie voller Inbrunst in ihrer ganz eigenen Welt gefangen, die ersten Sommertage am See verbringen. Nicht zu vergessen das End-20er Paar, welches ein Bier nach dem nächsten öffnet und sich zuprostend seines Lebens erfreut. Mal wieder bin ich erstaunt über die gesellschaftliche Vielfalt, die sich auf einer einzigen Wiese versammelt. Wie unterschiedlich doch allein so ein Tag am See aussehen kann.

Die Dreihorn-Erkenntnis

Nun sitze ich inmitten all dieser Menschen und fühle mich nicht zugehörig. Als wäre ich aus dem Raster herausgefallen weil mir all das, was ich da beobachte irgendwie suspekt vorkommt. Und plötzlich wird mir klar: Das wird kein Text über Einhörner am See oder eine Abhandlung von Gesellschaftstypen, die sich im Sommer dort so tummeln. Nein, der Text geht um das Gefühl sich nicht zuhgörig zu fühlen. Anders zu sein. Auch wenn es nach „Außen“ vermutlich nicht so scheint. Wie wirke ich wohl auf die anderen? Und hier kommen wir zum springenden Punkt: Die denken gar nicht darüber nach! Ha! Wenn das Sitznachbar-Pärchen mit einigen Bierchen intus sich mal kurz umschaut wird es vermutlich nur eine x-beliebige Frau mit Sonnenbrille und Zeitung wahrnehmen. Punkt. Blick schweift zurück zum Bier. Man wird mir keine „Andersartigkeit“ ansehen, andichten oder auch nur im entferntesten auf die Idee kommen, dass ich mich aber genau so fühle. Ich fühle mich wie ein Dreihorn in einer Herde voller Einhörnern, nur dass keiner meine drei Hörner sieht. Mein Anderssein liegt nicht im Außen sondern im Innen. Ich kann einfach nicht damit aufhören die Welt um mich herum zu analysieren, zu sezieren und zwar jedes noch so kleine Detail. Mir geht das ständig so, insbesondere wenn ich mich in einer Umgebung mit vielen Menschen befinde springt mein Analysehirn an und hinterfragt und beobachtet alles filterlos. Ausblenden schaffe ich nur bedingt. Da hilft keine Musik auf den Ohren und kein Buch in den Händen. Immer wieder schweift mein Blick über all die Menschen und beginnt diese zu beobachten als müsste ich als Zeuge vor Gericht aussagen und jedes noch so kleine Detail beschreiben.

Wäre ich doch nur ein Einhorn

Es ist schon so, dass ich manchmal gerne auch einer der oben beschriebenen Gesellschaftstypen wäre, der entweder in seinem Familienverbund auf Liegestühlen lümmelt oder sich Bierchen zuprostend den Bauch in der Sonne bruzeln lässt. Warum ich das sage? Weil ich diesen Menschen einfach mal unterstelle, dass deren Dasein weniger anstrengend ist. Zumindest die Masse an Gedanken zu Sinn und Zweck und Zusammenhängen unseres Daseins ist vermutlich um einiges geringer. Ich habe Tage da geht das von morgens bis abends so. Nonstop. Es sind diese Tage, an denen ich lieber ein quietschbuntes Einhorn unter vielen wäre weil ich dann nicht so viel nachdenken müsste, nicht so viele Eindrücke auf mich einprasseln würden und ich endlich einfach mal meine Ruhe hätte. Wenn mich diese ganzen Informationen überrollen bleibt mir keine andere Wahl, als mich ein paar Tage zurückzuziehen um mich wieder zu sammeln weil es viel zu viel zu verarbeiten gibt. Ich weiß nicht ob mich da draußen jemand verstehen kann, aber so zu ticken ist wahnsinnig anstrengend. Selbst im Wanderurlaub in Griechenland saß ich beispielsweise abends inmitten vieler ausgelassener Menschen in der Hotelbar, der DJ legte die entsprechende Musik auf um die Meute anzuheizen und ich? Fühlte mich mal wieder fehl am Platz, anders, nicht dazugehörig weil ich einfach nicht aufhören konnte jeden einzelnen der dort Anwesenden unter die Lupe zu nehmen anstatt einfach mal mitzusingen und Tischfussball zu spielen. Um 22 Uhr war ich spätestens auf meinem Hotelzimmer weil ich es an manchen Tagen nicht ertragen konnte. Das hört nicht mal im Urlaub auf wenn ich eigentlich nur ausspannen und die Natur genießen will.

Radikale Akzeptanz

Nun bin ich nicht erst seit gestern so. Im Grunde weiß ich es seit Faust mir vor 20 Jahren aus der Seele gesprochen hat wenn er sagt:“…dass ich nicht mehr mit sauerm Schweiß zu sagen brauche, was ich nicht weiß; Dass ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält…“. Ich bin schon weiter in Sachen Selbstakzeptanz keine Frage. Dennoch gibt es diese Tage, wie in der Sommerhitze am See inmitten all dieser Einhörner, an denen ich einfach damit hadere ein Dreihorn zu sein. Wenn ich es in diesem Leben noch schaffen kann irgendwann meine drei Hörner voller Stolz zu tragen und allen zu zeigen, dass ich happy bin genau so zu sein. Nicht mehr ein einsames Dreihorn unter Einhörnern, sondern ein sich selbst liebendes Dreihorn, das voller Dankbarkeit auf seinem aufblasbaren Einhorn in den Sonnenuntergang paddelt.

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