Die Verdrängungsgesellschaft – Ausblenden vs. aufarbeiten

Das aktuellste Beispiel wie ausgeprägt die Fähigkeit zur Verdrängung in unserer Gesellschaft ist, zeigt Corona. Dieser Mechanismus bestimmte Tatsachen einfach auszublenden reitet uns gerade direkt in die 2. Ausbreitungswelle. Aber auch Konflikte, unbequeme Wahrheiten, bis hin zu Traumatas werden von einem Großteil in einen inneren Schrank gesperrt und der Schlüssel schnell weggeworfen. Dabei hat man als Mensch die Wahl: Möchte man ein Leben das geprägt ist von Authentizität und Wahrheit? Oder ein von einem selbst abgetrenntes Selbstverleugnungskonstrukt, das nicht mal im Ansatz der wahren Persönlichkeit bzw. der Realität entspricht? Viele wählen letzteres.

Was bedeutet Verdrängung?

Bereits im Jahr 1914, etwa 30 Jahre nachdem Freud die Theorie der Psychoanalyse begründete, schrieb er , dass „die Verdrängungslehre der Grundpfeiler ist, auf dem das Gebäude der Psychoanalyse ruht“. Dass der Mensch einen auspgrägten Verdrängungsmechanisumus hat, ist also wahrlich nichts Neues. Aber, dass der Mensch auch in der Lage ist bewusst zu verdrängen, zeigten erst sehr viel später die beiden US-amerikanischen Psychologen Michael Anderson und Collin Green von der University of Oregon, die 2001 in einer Studie nachweisen konnten, dass Menschen dazu durchaus in der Lage sind. Das Verhalten vieler in Zeiten von Corona, ist wahrlich ein weiterer Beweis dafür. Verdrängung ist natürlich nicht nur etwas „Schlechtes“, je nach Stärke eines Traumatas sichert, in dem Fall unbewusste Verdrängung, einem Menschen auch sein psychisches Überleben. Das kommt insbesondere vor wenn jemand massiver körperlicher, seelischer Gewalt oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt war. Der Organismus schützt sich dann im Grunde durch Verdrängung selbst.

Bewusste Verdrängung

Worum es mir in diesem Text aber geht, ist eher das bewussste Verdrängen, sprich das bewusste Ausblenden der Realität weil man unangenehme Gefühle, Veränderungsprozesse oder eben Konflikte vermeiden möchte. Manchmal frage ich mich wirklich, warum manche Menschen den einen, andere sich für den anderen, also die Konfrontation, die Auseinandersetzung und somit auch die Weiterentwicklung entscheiden.

Dr.med. Othmar Mäser schreibt auf seiner Website zu Verdrängung folgendes: „Es geht bei der Verdrängung also um die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit – um das Zulassen und Annehmen was ist – im Vergleich zu dem was man sich wünscht – was sein soll – aber tatsächlich nicht ist.“ Das finde ich exzellent und auf den Punkt formuliert. Der Verdrängende blendet die Wirklichkeit aus oder redet sich seine Wunschwirklichkeit so lange ein bis er sie selbst felsenfest glaubt. Das funktioniert bei vielen, wie ich in meinem Umfeld beobachte, hervorragend. Da wird sich so lange ein großer eigener Kinderwunsch ausgeredet, über so viele augenscheinlich rationale Gründe schwadroniert, die eigentlich gegen Kinder sprechen, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, dass der eigene Partner ohne Kinderwunsch, vermutlich einfach nicht der richtige Partner ist. Ein solches Konstrukt fliegt dieser Person spätestens um die Ohren, wenn die Beziehung aus anderen Gründen scheitert, man aber zum Kinderkriegen dann zu alt ist. Erst kürzlich kam ich mit einer sehr engen Freundin zu dem Ergebnis, dass unser beider Mütter ein Leben der Verdrängung leben, wir beide uns aber für die Aufarbeitung entschieden haben. Die Konsequenz: Es gibt keine echte Basis mehr im Verhältnis zu unseren Müttern. Weil wir beide Wahrheiten aussprechen, unsere Mütter diese aber nicht hören wollen weil die Folge wäre, sich wirklich der Realität zu stellen und sich verändern zu müssen. Das ist wirklich traurig aber andererseits gibt es wenn man sich für den anderen, den Weg der Weiterentwicklung entscheidet, so wie wir das getan haben, auch kein Zurück. Und das ist gut so. Denn uns wird beiden vorgelebt wie ein Leben der Verdrängung aussehen kann: Die eine ist chronisch depressiv und die andere so narzistisch und abwertend gegenüber ihrer Tochter, weil diese mit ihrem Lebensentwurf deren aufgebautes System ins Schwanken bringt, dass nur noch Abrenzung und Kontaktsperre möglich ist. Denn der Aufarbeitende ist für den Verdrängenden eine so große Gefahr, dass dieser nur noch mit Abwertung reagieren kann um seine konstruierte Realität zu schützen. Zum Glück kann meine Freundin dies durchschauen und es verletzt sie nur noch bedingt aber es bedeutet auch einen unmöglich zu kittenden Bruch in der Mutter-Tochter-Beziehung. Auch ich merke, dass ich mich je älter ich werde, mehr und mehr von Menschen distanziere, die den Weg der Verdrängung eingeschlagen haben. Da ist einfach keine gemeinsame Basis für Freundschaft, Beziehung oder was auch immer vorhanden.

Der Fall Corona

Im Falle von Corona spüren wir aktuell alle die Folgen von diesem Verdrängungsmechanismus. Kaum war der Lockdown vorbei, die Reisewarnungen aufgehoben, da strömten die Massen an die Strände, die Isarauen und den Ballermann. Wer oder was bitte ist Corona? Eine Biermarke oder? Ich selbst war mit dem Auto ein paar Tage wandern in Österreich und schockiert über die Ignoranz und das Verhalten der Menschen im Hotel und überall sonst. Auch wenn mir die Berge eine gute Auszeit verschafft haben, bin ich mit einem unguten Gefühl im Bauch wieder nach Hause gefahren. Die Konsequenz ist nun, dass die Fallzahlen in Europa nach oben schnellen, für fast ganz Spanien bereits erneut eine Reisewarnung ausgesprochen wurde und auch bei uns in Deutschland die Erkrankungen wieder auf einen Wert von über 1000 Ansteckungen pro Tag gestiegen ist. Mit viel Luft nach oben.

Ich würde wirklich gerne wissen was einen Menschen schlussendlich dazu bringt, sich für den einen oder den anderen Weg zu entscheiden. Ich dachte lange es hätte etwas mit Leidensdruck zu tun. Sprich, je stärker die körperlichen oder seelischen Schmerzen/Symptome sind, desto eher überwindet sich jemand seinen Konflikten, der Wahrheit zu stellen. Aber das kann nicht sein, dafür kenne ich zu viele chronisch Kranke, oder eben auch eine chronisch Depressive, die lieber in ihrer Verdrängung verharren, als sich zu stellen. Bisher habe ich darauf keine Antwort gefunden, außer, dass ich sicher weiß, dass es auch nichts mit Intelligenz zu tun hat. Auch viele wahrlich schlaue Menschen sind dennoch ein Meister der Verdrängung.

Sollte ich es aber noch herausfinden, werde ich es ganz gewiss niederschreiben…;-)

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