Meditation und ich – Das erste halbe Jahr

Dieser Text sei all jenen gewidmet, die gefühlt auf und in einem Ameisenhaufen leben und die sich gut und gerne selbst darin überbieten, wie viele Gedanken man eigentlich in in kürzester Zeit gleichzeitig denken kann. Getreu dem Motto: „My mind is like my internet-browser. At least 19 open tabs, 3 of them are frozen and I have no clue where the music is coming from.“ Wer dieses Schicksal mit mir teilt bitte unbedingt weiterlesen, denn ich sage Euch: Es besteht Hoffnung!

Der verzweifelte Versuch still zu sitzen

Jahrelang bekam ich mindestens einmal pro Jahr einen Rappel meditieren zu wollen. Meistens dann, wenn meine innere Unruhe aufgrund von äußeren Stressfaktoren, meist beruflicher Natur, überhand nahmen. Manchmal auch, wenn ich wieder einen weiteren Kerl in die Wüste schicken musste, der eigentlich doch keine Lust auf Beziehung, gänzlich beziehungsunfähig oder sich einfach nach kurzer Zeit als unehrliches, rückgratloses Würstchen oder sonst irgendwie für mich ungeeignet entpuppte. Die Konsequenz war, dass ich mir voller Eifer sämtliche Apps runterlud, das Internet oder YouTube durchforstete und jeden Tag eine andere Meditation ausprobierte. Von 10 Minuten blieb ich dann im Schnitt eine Minute still auf der Matte sitzen bevor mich erst meine Nase anfing zu jucken, danach mein linker großer Zeh, bis mir zu guter Letzt vom Schneidersitz das ganze Bein einschlief. Ach ja, dazwischen habe ich auch noch über offene To-Dos in der Arbeit sinniert. Nach spätestens drei aufeinander folgenden Tagen, an welchen alle meine Meditationsversuche so oder ähnlich in einer größeren Frustration endete, als ich ohnehin schon anfing, gab ich völlig entnervt mit der Überzeugung auf, dass ich schlicht und ergreifend unfähig sei zu meditieren. Thema erledigt.

Erste Meditationserfolge

Ich hatte ja bereits in diesem Artikel Moderne Spiritualität – worth the hype? darüber geschrieben, dass ich letztes Jahr durch den Podcast Happy, holy and confident über die geführten Meditationen von Laura Malina Seiler gestolpert bin. Mit der allerersten Meditation, die ich versuchte, habe ich es das erste Mal im meinem Leben geschafft die ganze Zeit auf der Matte sitzen zu bleiben. Selbstverständlich sind meine Gedanken gewandert und vermutlich hat auch mein Zeh wieder gejuckt, nichts desto trotz bin ich dieses eine Mal einfach sitzen geblieben. Was ein Erfolg das für mich war könnt Ihr euch nicht vorstellen. Ich war darüber so happy, dass ich dachte: Jetzt oder nie. Seit diesem Tag vor über einem halben Jahr mache ich jeden Morgen nachdem ich meine Augen aufschlage als erstes meine Meditation. Monatelang war es ehrlich gesagt immer die gleiche: No more drama – für inneren Frieden. Das klingt vermutlich total irre aber es war der für mich einzige Weg erstens dabei zu bleiben und zweitens einen Schritt aus dem Ameisenhaufen herauszutreten. Selbstverständlich gibt es Tage, an welchen meine Gedanken ständig abschweifen, ich mich nicht wirklich einlassen kann oder aber auch irgendwie keine Lust habe. Egal, ich mache es dennoch jeden einzelnen Tag. Bis heute. Ich kann es eigentlich selbst kaum glauben. Wer sein Leben lang, fast 38 Jahre, mit 1000 Hummeln in Hintern im Ameisenhaufen steht und im Kopf ständig der Punk abgeht weil sich die Gedanken überschlagen, der kann in etwa erahnen wie groß dieser Erfolg für mich persönlich ist. Wer zusätzlich noch auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung im Burnout endet, vielleicht noch viel mehr. So erging es mir nämlich auch. Weil ich bis dato keinen Weg gefunden hatte mich selbst von der Anspannung in eine echte Entspannung zu regulieren. Ich möchte Meditation an der Stelle natürlich nicht zum ultimativen Allheilmittel gegen Stress verklären, dennoch kann es ein Puzzlestück zu einem größeren Wohlbefinden sein, in einer Welt, die sich bis vor Corona, definitiv zu schnell gedreht hat.

Veränderung in Sicht

Ich bin immer ein Mensch gewesen, der gefühlt innerlich stets auf der Flucht war. Im äußeren Leben hat sich dies in x Jobwechsel und Umzügen manifestiert. Heute weiß ich vor was ich davongelaufen bin: Vor negativen Gefühlen. Sie haben mir so viel Angst gemacht, dass ich sie einfach versucht habe wegzudrücken; so gut ich eben konnte. Seit ich meditiere bemerke ich, dass ich tatsächlich mehr und mehr die Überzeugung lebe, dass alle Gefühle sein dürfen. Ich lasse sie dadurch eher zu. So konnte es früher gut sein, dass ich zwischenzeitlich einige Jahre nicht geweint habe, Wut war mir fremd und Ärger über andere Menschen oder Stress in der Arbeit wurden hinuntergeschluckt. Folge: Irgendwann kollabiert der gesamte Organismus. Das ganze System bricht zusammen. Es entwickeln sich meist psychosomatischen Symptome, die bei jedem etwas anders aussehen. Bei dem einen schlägt es mehr auf den Körper, bei dem anderen auf den Geist. Wen es ganz übel trifft, der hat Symptome von oben bis unten und solche, die keiner sieht, was das Leiden oftmals noch potenziert. Das ist also die erste positive Veränderung: Alle Gefühle dürfen sein!
Das zweite, dass sich die Fähigkeit zu fokussieren vergrößert. Was war ich stolz, zig Aufgaben gleichzeitig erledigen zu können! Problem: Irgendwann ist die Gehirnkapazität überschritten und man rutscht in die permanente Überforderung. In diesem Zustand habe ich viele Jahre gelebt. Jetzt schaffe ich es besser mich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren und danach die nächste in Angriff zu nehmen. Nicht immer natürlich, so ganz bin ich noch nicht raus aus meinem Multitasking-Fahrwasser aber es wird besser. Ich denke auch diese Veränderung kann ich auf meine regelmäßige Meditationspraxis zurückführen. Wir halten fest: Die Fähigkeit den Fokus auf eine Sache zu lenken wird gefördert. Als dritte Veränderung, die ich bis hierhin wahrnehme ist die Option eine Beobachterrolle und gleichermaßen Distanz zu Gedanken und daraus resultierenden Gefühlen einzunehmen. Dies lässt einem Spielraum um zu überprüfen ob man gerade in der Realität denkt und fühlt oder in einem sogenannten „Heimatfilm“ bzw. gefühlt in der Vergangenheit festhängt. Auch hier ist es so, dass es mal besser mal schlechter klappt, oft auch von der aktuellen Tagesform abhängig, aber ich merke, dass es immer besser funktioniert. Last but not least ist befinde ich mich mittlerweile in einem ausgeglicheren Gesamtzustand. Ich fühle mich endlich nicht mehr 24/7 in einem Fight-Flight oder Freeze-Zustand als würde ich einem Säbelzahntiger gegenüberstehen und mein Fluchtmodus dazu führen, dass alle Alarmglocken in mir in Dauerrotation bimmeln.

Next Level

Wer einmal so wertvolle Fortschritte gespürt hat wie ich sie soeben beschrieben habe, der hat endgültig Blut geleckt. Im Moment mache ich nun eine neue Challenge: Keine geführten Meditationen, die einem helfen den eigenen Gedankenstrom zu unterbrechen, sondern einfach still sitzen und warten. Gut, etwas Entspannungsmusik zur Untermalung ist erlaubt. Ich bin damit erst eingestiegen und habe überdies gerade Urlaub, also Bedingungen, die noch nicht zu einem verfizierten Erfahrungsbericht bemächtigen. Ich bleibe aber dran und schreibe darüber.

Meditations-Apps, Videos und Podcasts

Auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole aber wer absoluter Einsteiger ist wie ich es einst war, dem empfehle ich definitiv die Meditationen von Laura Malina Seiler. Auch gut sind die von Mady Morrsion (mit ihr mache ich auch Yoga) oder DariaDaria in Ihrem Podcast A Mindful Mess sowie von Boho Beautiful. Übrigens gibt bei DariaDaria aktuell eine zweiwöchige Meditationsreihe, an der ich, ebenfalls auf Empfehlung, gerade teilnehme. Die einzige App, die es dauerhaft auf mein Smartphone geschafft hat ist Calm. Kann ich auch ohne Abo in der Basisversion empfehlen. Meditations- und Entspannungsmusik findet man dort genügend auch kostenlos.

Ich denke dieser Text zeigt: Es ist möglich! Selbst der unruhigste Geist auf Erden kann das Meditieren für sich entdecken und es lernen. Das Entscheidende ist, dass man die für sich richtigen Meditationen findet. Die, die einen so richtig anfixen und man bestenfalls sofort denkt: „Wow, das hat sich jetzt wirklich gut angefühlt.“ Nur so hat man die Motivation dran zu bleiben um daraus eine alltägliche Routine zu entwickeln. Man braucht sich nichts vormachen: Einen gewünschten Effekt wie oben beschrieben erzielt man ausschließlich durch Kontinuität. Aber ich spreche aus tiefstem Herzen wenn ich sage: Es lohnt sich!

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